Es gab Zeiten, da verhalfen Riesenstaudämme den Präsidentschaftskandidaten in den Vereinigten Staaten zu Wahlsiegen. Sie symbolisierten Fortschritt, Wachstum und Wohlstand. So jedenfalls erzählten es die Politiker ihren Wählern und übersäten das Land mit den Mammutvorhaben. Kaum ein Fluß ist verschont geblieben. Doch nach Jahrzehnten des wilden Dammbaus ist Ernüchterung eingetreten. "Die Staudamm-Ära in den USA ist vorbei", verkündete 1994 das US-amerikanische Bureau of Reclamation, weltweit einer der größten Dammbauer. Viele Stauseen haben das Flußökosystem geschädigt, die Dämme sind versandet und verursachen dadurch erhöhte Kosten, und die riesigen Wassermassen stehen in Verdacht, Erdbeben auszulösen. Längst setzen die Amerikaner auf neue Energiequellen: auf Sonnen- und Windenergie, aber auch aufs Energiesparen. Gleichwohl ist die Ära der Dammbauer nicht zu Ende. Während die Aufträge in den Industrieländern versiegen, erleben die großen Dammbauunternehmen gerade in der Dritten Welt einen nie dagewesenen Boom.

China liefert gerade das jüngste Beispiel: Der Energiehunger des 1,2-Milliarden-Volkes scheint unersättlich - und bereitet vielen Umweltschützern Alpträume. Zwar ist der Stromverbrauch im Reich der Mitte weit geringer als der westlicher Länder aber die Nachfrage nach der hauptsächlich per Kohleverbrennung erzeugten Elektrizität wächst jährlich um nicht weniger als neun Prozent - angesichts der 1992 beim Erdgipfel in Rio de Janeiro vereinbarten Ziele zur Kohlendioxidreduzierung eine erschreckende Ziffer. Was also liegt näher, als das enorme Wasserkraftpotential des Landes zu erschließen?

Genau das hat sich die Regierung in Peking vorgenommen. Ein Damm der Superlative soll entstehen. Am Rande des Hochlandes von Sichuan soll am Jangtse, dem drittgrößten Fluß der Welt, der zwei Kilometer lange und 185 Meter hohe Drei-Schluchten-Damm entstehen. Mit 18 000 Megawatt wäre er eineinhalbmal so leistungsstark wie der derzeit weltgrößte Damm, Itaipu in Brasilien. Laut offiziellen Angaben könnte er vom Jahr 2015 an jährlich vierzig Millionen Tonnen Kohle einsparen. Außerdem, so heißt es, würde das gigantische Bauwerk dem Hochwasserschutz dienen.

Fasziniert von dem Vorhaben, stehen vor allem internationale Unternehmen Schlange. Vier Firmenkonsortien bewerben sich um den Bau eines Teiles der 26 geplanten 700-Megawatt-Turbinen - auch die deutschen Firmen Siemens-KWU und Voith Hydro gehören zu den Interessenten.

Doch Umweltschützer wollen ihnen das Geschäft vermasseln, laufen Sturm gegen den "Damm zu Babel". Und selbst in Kreisen großer Staudammbauer findet deren Kritik Zustimmung. So erklärte die US-Baufirma Bechtel Enterprises, ihre Beteiligung sei aus Umweltgründen "überhaupt nicht wahrscheinlich". Und Maurice Strong, Chef des UN-Umweltgipfels in Rio und Leiter der kanadischen Kraftwerksfirma Ontario Hydro, bekundete, seine Firma werde sich "nur über seine Leiche" beteiligen.

In der Tat hat Weilou Wang, selbst vier Jahre an den Planungen für Drei-Schluchten beteiligt und heute Raumplaner an der Universität Dortmund, in jahrelangen Analysen ausgerechnet, daß nicht - wie Peking vorgibt - eine Million, sondern mehr als zwei Millionen Menschen den Wassermassen weichen müssen. Abgesehen von katastrophalen Folgen für die Umwelt, erhöhe der riesige Stausee die seismische Aktivität der Region und lasse Hochwassergefahren sogar noch unberechenbarer werden. "Ist ein Stausee erst gefüllt", warnt Wang, "kann ein weiteres Hochwasser eine Katastrophe auslösen."

Wang und andere Kritiker wollen die industrielle Aufholjagd Chinas keinesfalls aufhalten. Vielmehr, so der Staudammexperte, lägen alternative Energiemodelle seit zwei Jahrzehnten vor. Tatsächlich ergaben offizielle Untersuchungen wenigstens 4400 Standorte für kleinere Dämme am Jangtse und seinen Zuflüssen. Für wenigstens 27 solcher dezentralen Kraftwerke liegen sogar Machbarkeitsstudien vor, fand die Bonner Informationsstelle Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung (WEED) heraus.