Mein 20. Jahrhundert begann irgendwann um 1950, als das "lange" 19. Jahrhundert zu Ende ging, und es ist in seinem "ausgehenden" Jahrfünft alles andere als moribund. Es hat für mehr als ein paar Kalenderjahre Zukunft und wird vermutlich auch noch im 21.

Jahrhundert Epoche machen.

Das Verlangen, eine Bilanz der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu ziehen, wird durch die Fixierung auf das Jahr 2000 von Tag zu Tag größer und lenkt die historische Aufmerksamkeit in die falsche Richtung. Die Zeitgenossen sind sich über das nahende Ende des Jahrhunderts viel zu sicher. Zur Vorbereitung auf die unabwendbar auf uns zukommenden Millenniumsfeiern, -kreuzfahrten, -konferenzen und -schriften empfiehlt sich der Blick des Historikers in die Gegenrichtung.

Am 18. Juni 1991 wurden die Mitglieder einer historischen Diskussionsgruppe über E-Mail mit folgender Frage konfrontiert: "Wann begann nach Ihrer Ansicht das 20. Jahrhundert?" Der Schreiber fragte nicht nach dem Datum des 1. Januar 1901. Er wollte wissen, welches Ereignis "die bezeichnendste Abkehr von der Welt des 19. Jahrhunderts" markiere, und er konzedierte: "Das Ereignis Ihrer Wahl kann im Bereich der Politik, Naturwissenschaft, Kultur oder auch woanders liegen. Es sollte im späteren Teil des 19. oder frühen Teil des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben, und Sie sollten erklären können, inwiefern das Ereignis oder die Serie von Ereignissen einen Wandel in der Weltgesellschaft verursachte oder illustrierte, der die Geburt dieser hundert Jahre ankündigte."

Der Text, der seinerzeit auf meinem Bildschirm erschien, kam von History Department der Marshall University. Er war von einem Computer in West Virginia zu einem maschinellen list server in Finnland gegangen und von dort umgehend an alle Diskussionsteilnehmer in den verschiedenen Teilen der Welt geschickt worden: in den USA, Frankreich, Großbritannien, Israel, Finnland, Österreich, Holland, Dänemark, Irland, Japan, Norwegen, Mexiko, Brasilien, Deutschland und Kanada. Ich war damals von der elektronischen Vernetzung des Planeten so angetan, daß ich einige Antworten auf die Herausforderung des mir persönlich unbekannten Kollegen ausgedruckt und als Urkunden der globalen Kommunikation aufgehoben habe.

Die meisten Diskurse über unser Jahrhundert kranken nicht etwa an einem Mangel an Ideen, sondern an Übereinstimmung über die Kriterien, die zur Unterscheidung zwischen guten und weniger guten Erklärungsansätzen herangezogen werden sollen. Die Frage nach dem Beginn des 20. Jahrhunderts ist ein solider Prüfstein. Er wirft das Problem der historischen Periodisierung auf.

Wir können die menschliche Geschichte nicht als Ganzes aufnehmen, wir müssen sie in Geschichten unterteilen: in Biographien und Quasilebensgeschichten von Individuen, Nationen, Kulturen. Lebensgeschichten haben Anfang und Ende, wie die Geschichtsbücher. Aber das Kontinuum der menschlichen Geschichte hat dies nicht. Um Geschichte zu erfassen, müssen wir trennen, was zusammenhängt. Wenn wir die Krümmung des 20. Jahrhunderts im Fluß der Geschichte lokalisieren wollen, müssen wir Strudel, Katarakte und Biegungen in den Strom der historischen Ereignisse einbauen, die sich oft nicht von selbst zu erkennen geben. Auf der anderen Seite provozieren unsere historiographischen Eingriffe Tocquevilles Kritik der übersehenen Kontinuität. Wie neuere Forschungen zeigen, markiert die Französische Revolution im Hinblick auf die Zentralisierung der Staatsgewalt keinen radikalen Einschnitt, sondern vielmehr eine Evolution und Ausdehnung der alten administrativen Macht.