Wenn Mitra Asemanfar

Rosen pflückt, geschieht es manchmal, daß ihre Hände bluten. Mitra ist Rosenpflückerin im zentraliranischen Dorf Qamsar, der Hochburg einer uralten persischen Kunst: der Herstellung von Rosenwasser.

Langsam kriecht der Tag über die Berge. Mein Bus von Kashan nach Qamsar durchquert ein unwirtliches Gebiet. Die Morgensonne bemalt die Berge mit rosa Pastellfarben und wirft tiefe Schatten in die Schluchten, die das Schmelzwasser gegraben hat. Einige Lehmhäuser dösen noch am Fuß der Berge, weiter oben hängt eine winzige Oase wie ein Adlerhorst im Fels. Außer sonnenverbrannten Grasbüscheln gibt es hier nichts. Öde, so weit das Auge reicht. Es scheint mir unvorstellbar, daß hier irgendwo der Gulistan - der Rosengarten von Qamsar - liegen soll, von dem die Menschen im ganzen Iran schwärmen. Die Straße ist längst zur holprigen Piste verkümmert.

Steine klopfen an den Unterboden, als wollten sie mitfahren, um dieser leblosen Welt zu entkommen. Doch die Mitreisenden im Bus trösten mich, der Gulistan sei nicht mehr weit.

Ich bin froh, daß ich Ahmad als Übersetzer an meiner Seite habe, denn niemand hier spricht Englisch. Dank seiner engagierten Dienste sind meine Personalien mittlerweile selbst bis in das Frauenabteil hinten im Bus vorgedrungen: Jeder weiß, daß ich Deutscher bin, kennt meinen Beruf, mein Alter, meinen Familienstand, meinen Namen, den meiner Eltern, meiner Freundin, meiner Großmutter und sogar den ihres Hundes. Nichts bleibt geheim während einer Busfahrt.

Das Gefährt holpert über eine unscheinbare Bergkuppe, und dann, tatsächlich, ist es soweit: Wie eine Fata Morgana wabert ein grüner Fetzen in der Ebene. "Der Gulistan", singt ein Männerchor im Bus, und von harter Landarbeit zerschundene Hände zeigen alle in dieselbe Richtung: Grün, Schatten, Leben. Zum Abschied bekomme ich ein Bündel Fladenbrot mit Schafskäse von meinen Reisegefährten, und dann sehe ich den Bus und die aus den Fenstern winkenden Arme in der Wüste verschwinden.

Die Ruhe ist ohrenbetäubend. Ich gehe durch die langen Reihen von Rosensträuchern, und die Welt reduziert sich auf einen herrlich süßen Duft. Ein Blick durch die abgrenzenden Hecken enthüllt die unwirkliche Lage dieses Gartens, denn er mündet ohne Übergang in eine schroffe Steinwüste. Bis zum Horizont nichts als Öde.