Über die gründlich verkommene Natur des Zelluloids ist schon viel gelästert worden, und mit Recht. In der Tat lügt und betrügt dieser Stoff, wenn man ihn läßt, vierundzwanzigmal in der Sekunde.

Wir lachen und weinen über den Humbug, den er mit uns treibt, aber glauben können wir ihm nicht. Das nennt man Fiktion. Andererseits gibt es Bilder, deren Wahrheit niemand bestreiten kann, weil sie von wirklichen Ereignissen und lebenden Menschen erzählen. Wir nennen sie Dokumente. Sie schreiben die Chronik unserer Zeit.

Eine hilfreiche Unterscheidung - und eine ganz dumme. Denn natürlich ist auch die Fiktion ein Dokument, und manchmal sind ihre Lügen wahrhaftiger als die Wahrheiten des Reportagebilds. Wer sich heute einen alten Film von Godard anschaut, dem tut sich die Welt der sechziger Jahre auf: die Haare, die Hosen, die Autos, das Gesicht Belmondos, die mageren Mädchenkörper, die revolutionären Phrasen - so war das damals. Oder dann, eine Ewigkeit und eine Videokassette später, die Schwenks und Zooms von Altmans "Nashville", die Nachtfahrten in Scorseses "Taxi Driver", Robert de Niro und Jodie Foster, Allen Garfield und Keith Carradine: So sahen die siebziger Jahre aus.

Spielfilme, heißt es, transportieren Geschichten, aber in diesen Filmen wirken die Geschichten selber wie Transportmittel für etwas anderes - das Bild einer Epoche.

Jedes Kinojahrzehnt hat seinen Leithammel, seinen Zeitgeistregisseur.

In den sechziger Jahren war es Jean-Luc Godard. In den siebziger Jahren waren es Robert Altman und Martin Scorsese. In den achtziger Jahren war es Peter Greenaway.

Nicht daß seine Filme Millionen ins Kino gezogen hätten wie weiland "Rambo" oder "Krieg der Sterne". Auch sind seine Haltung, sein Stil, seine Tricks nicht zum Vorbild einer ganzen Regisseursgeneration geworden wie bei Scorsese oder Godard. Greenaway hat nicht Schule gemacht. Aber er hat der verplapperten, verspielten und zerfaserten Dekade, die heute so endlos weit hinter uns liegt, ein Gesicht gegeben, ein Zerr- und Spiegelbild. Die achtziger Jahre waren ein Professorenwitz, und Greenaway hat ihn im Kino erzählt.