Wenn einer glaubt, in deutschen Städten werde es bald so aussehen "wie nach dem Zweiten Weltkrieg", warum will er dann Oberbürgermeister werden? Zumal dann, wenn er's schon ist, also wissen müßte, wovon er spricht.

Die Rede ist von Joachim Becker, seit 1985 in Pforzheim im Amt (dort also Chef von Gemeinderat und Verwaltung) und seit Beginn dieser Woche Quereinsteiger beim Versuch, in Stuttgart die kommunale Macht zu übernehmen. Er gehört zwar, noch, der SPD an - und diese SPD hatte Rainer Brechtken als Kandidaten nominiert. Aber Becker will eben auf eigene Rechnung, als Unabhängiger, auftreten, auch gegen den erklärten Willen seiner Partei, die ihn nun auszuschließen droht.

Verworren? Verworren. Ein kurzer Blick zurück, auf das, was leichter zu beschreiben ist: Stuttgart braucht einen Nachfolger für Manfred Rommel, einen seit Jahrzehnten von allen Seiten heftig umschwärmten Mann. Nachfolger kann hier praktisch jeder werden wollen, der auch nur halbwegs bei Sinnen ist. 38 Kandidaten haben sich gemeldet, zwei davon sitzen im Gefängnis. Einer heißt Konrad Kujau, ja, der Autor der Hitler-Tagebücher.

Der erste Wahlgang brachte nicht das erforderliche Ergebnis (ein Bewerber hätte auf mehr als fünfzig Prozent kommen müssen). So folgt, am 10. November, der zweite Gang, bei dem die einfache Mehrheit genügt, zu dem sich aber auch neue Kandidaten melden dürfen. Einer von denen heißt nun Joachim Becker und hat schon den ersten Versuch dadurch belebt, daß er nicht sagen wollte, ob er im zweiten . . . Das war so ziemlich das Aufregendste, was der Wahlkampf bis dato vorzuzeigen hatte. Denn Joachim Becker ist übers kleine Pforzheim hinaus durchaus bekannt geworden. Sehr zum Ingrimm seiner Partei.

Was also treibt den Mann? Eitelkeit, Selbstverliebtheit, mangelnder Sinn für die Realitäten? Joachim Becker sagt, für all das sei er zu alt, 54 Jahre nämlich. An die eigenen Motive pirscht er sich im Gespräch vorsichtig heran: Es gebe doch so wenige Politiker, die über Mut verfügen. Wenn man aber nicht "den Mut hat zu verändern, ändert sich nichts". Aber, nicht wahr: "Die Bewerberlage war aus Stuttgarter Sicht nicht befriedigend. Wenn der Favorit überzeugend wäre, hätte ich von einem solchen Unterfangen abgesehen."

Wolfgang Schuster, CDU, der Kandidat mit dem bisher besten Wahlergebnis (35,2 Prozent) wird das anders sehen. Und der grüne Verfolger, Rezzo Schlauch (30,6 Prozent), wird, wie er's so gern tut, darüber lachen. Jedenfalls, Joachim Becker, der promovierte Jurist, begreift seine Tat als "Dienst an der kommunalen Demokratie" - schon einfach dadurch, daß er zusätzlich antritt. Vor allem aber will er eines: "das Monopol der Parteien brechen". Und wenn ihn seine Partei im Gegenzug loswerden will, kann er das nur als "Unverschämtheit" ansehen. Diese Wahl sei schließlich eine Persönlichkeits- und keine Parteienwahl. Wer das nicht verstehe, der habe ein "obskures Verständnis von Demokratie", verwechsle Demokratie mit Parteiendemokratie.

Sich dagegen aufzubäumen, das ist sein Hauptmotiv, sein in unzähligen Veröffentlichungen immer wieder umschriebenes Credo. Über seine kommunalpolitischen Vorstellungen für Stuttgart mag er noch nicht reden. Das geschieht Ende dieser Woche "vor den Medien". Die sind schon wieder geladen. Am Dienstag, als er seine Kandidatur verkündete, kamen schätzungsweise siebzig schreibende Journalisten und vier Kamerateams. Auf all die wird er sich immer wieder stützen, denn Geld für Wahlplakate oder Werbespots hat er nicht. Auch nicht, wie gemunkelt wurde, vom Musical-Manager Rolf Deyle? "Absurd, ich kenne Herrn Deyle gar nicht."