WASHINGTON. - Alles erschien so unwirklich. Nach zwanzig Jahren sollte ich wieder das Land betreten, das einmal für mich eine zweite Heimat gewesen war. Drei Jahre hatte ich während der portugiesischen Kolonialzeit auf Osttimor gelebt. Als 1974 die Nelkenrevolution in Lissabon der ältesten Diktatur Westeuropas ein Ende bereitete und die Entkolonialisierung einleitete, feierte ich dieses Ereignis mit meinen osttimoresischen Freunden, darunter auch einer der beiden diesjährigen Friedensnobelpreisträger, Jose Ramos Horta.

Wir spekulierten über die Perspektiven, die sich nun auftaten.

Von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit war die Rede, von einem demokratischen Staatswesen, aber auch von der Notwendigkeit, sich auf eine längere Übergangsphase bis zur endgültigen Befreiung von der Kolonialherrschaft einzurichten.

Dazu kam es nie. Nur wenige Monate nachdem ich mich von meinen Freunden verabschiedet hatte - mit der festen Absicht, bald zurückzukehren -, senkte sich ein Bambusvorhang über das Land. Dahinter herrschten Terror und Tod. Von meinen damaligen Freunden gelang es nur wenigen, dem Inferno zu entkommen. Die anderen waren unter den etwa 250 000 (von ehemals 700 000) Bewohnern, die der indonesischen Invasion zum Opfer gefallen sind. Nur ein paar ausgesuchte Besucher durften Osttimor betreten. In der letzten Zeit haben sich die Einreisebedingungen etwas gelockert, doch noch immer hat das indonesische Militär auch in dieser Frage das letzte Wort.

Wir hatten eine Einladung des Bischofs Ximenes Belo erhalten.

Dennoch wurden uns am Flughafen sofort die Pässe abgenommen, und ich wähnte die Reise bereits zu Ende, noch bevor sie begonnen hatte. Dann erschien Ximenes Belo selbst am Flughafen, um uns abzuholen, und äußerst widerwillig ließen uns die Soldaten gehen.

Schon vor der Vergabe des Nobelpreises hatte sich der Bischof einen Respekt verschafft, der die Besatzungsmacht daran hindert, offen gegen ihn vorzugehen.