Brüssel

Kleine Kinder würden eines Tages die Welt retten, schrieb die italienische Schriftstellerin Elsa Morante, die Autorin des Romans "La Storia". Die Geschichte, die Belgien in den vergangenen zwei Monaten durchlebt hat, die im tiefsten Grauen begann und am vergangenen Wochenende in einem sonderbaren, riesigen Schweigemarsch endete, könnte zumindest vorläufig eben diese Moral verdeutlichen. Hier schöpfte manch einer neue Hoffnung - bei dieser Demonstration, der größten öffentlichen Veranstaltung in Belgien seit einem halben Jahrhundert.

Über 300 000 Menschen waren auf der Straße, auf den Boulevards der Innenstadt. Wer sich nicht in den Hauptstrom einreihen konnte, drängte sich durch die Verkehrsadern oder die Nebenstraßen. Alle gingen langsam, um die Kinder nicht zu überholen, die an diesem Tag im Mittelpunkt standen. Doch hinter dem ruhigen, gefaßten Äußeren verbargen sich eine maßlose Wut und die verbissene Forderung der Menschen nach gesellschaftlicher Remedur: mehr Gerechtigkeit, mehr Solidarität, weniger Entfremdung durch die blinden Kräfte von Geld und Gier, einer Gesellschaft, die sich auf ihr Überleben ausrichtet, auf die Kinder als ihre Zukunft, einem Land, das um jeden Preis verhindern will, daß "es" je wieder passiert.

"Es" bezeichnet das Schicksal der tot aufgefundenen Mädchen Julie und Mélissa, An und Eefje, wahrscheinlich auch anderer, spurlos verschwundener Kinder, deren Angehörige noch auf ein Wiedersehen hoffen. Bis an die Grenze des Erträglichen haben die Medien nach der Verhaftung des Mörders Marc Dutroux und seiner Komplizen den vermutlichen Leidensweg der Kinder beschrieben. In einem kleinen Land, das sich gerne auf seine Friedfertigkeit und seine Lebensart beruft, machten täglich Geschichten fürchterlichster Art über Freiheitsberaubung, Quälerei, sexuellen Mißbrauch, schamlose Ausbeutung unschuldiger Wesen Schlagzeilen und versetzten ein ganzes Volk in einen gräßlichen Alptraum. Nie zuvor wurde die kollektive Psyche so tief erschüttert wie in diesen schrecklichen Wochen, in denen die Medien der ganzen Welt sich auf ein Land konzentrierten, das vielen bisher nur als Sitz der Institutionen der Europäischen Union bekannt war.

Die geographische Lage trug jedoch dazu bei, daß ein riesiges Publikum am Vorabend der Demonstration den Atem anhielt: Wäre die Aktion ausgeartet, wäre sie nicht ihrem ursprünglichen Ansatz treu geblieben, hätte sie ein Land aus den Angeln heben und Kettenreaktionen auslösen können. Die Veranstalter waren sich des Risikos bewußt, rechneten jedoch mit der einmütigen Unterstützung der gesamten Bevölkerung. Wohl hat Belgien in den vergangenen Wochen in einer großangelegten öffentlichen Demaskierung seine Schwachstellen preisgegeben, die Rückständigkeit seiner Institutionen, die Blindheit der Regierenden hinsichtlich der Erwartungen der Bürger, sein ganzes bedrohtes demokratisches System. Doch hat sich an diesem trüben Sonntagnachmittag unter regenverhangenem Himmel gezeigt, daß Belgien auf ein Volk zählen kann, dessen Reife, Vernunft und Entschlossenheit Respekt gebieten.

Da liegt die erste Lehre dieses Tages: Das kollektive Aufbegehren zeigt, warum das Sprachenproblem, das so oft als die "belgische Krankheit" bezeichnet wird, nie zu offenen Konflikten oder Blutvergießen geführt hat. Wenn nämlich wirklich Not am Mann ist und das Ziel der Mühe wert, können die Belgier - Flamen, Wallonen, Brüsseler und Zugezogene aus aller Welt - gemeinsam mit einer weißen Blume in der Hand auf die Straße gehen.

Das Ziel ist in diesem Fall auf eine simple Formel zu bringen: eine menschliche Gesellschaft zu schaffen. Die Wortführer sind einfache Bürger aus bescheidenen Verhältnissen, die das Schicksal schwer geschlagen hat: die Eltern der kleinen Opfer. Innerhalb weniger Wochen sind sie zur Prominenz des Landes geworden, bekannter als die finstere Visage des Marc Dutroux, der nur noch gesehen wird, wenn er vor den Vernehmungen in seiner kugelsicheren Weste die Stufen des Justizpalastes von Neufchâteau hinaufeilt. Seit der Beerdigung von Julie und Mélissa und später der von An und Eefje kennt man die Eltern, Menschen um die Dreißig, die nach und nach gelernt haben, vor Publikum zu sprechen, ihre Forderungen auszudrücken und ihren Gesprächspartnern Kontra zu geben.