Am schönsten ist es, mit dem Zug nach Sóller zu fahren. Nicht mit irgendeinem Zug natürlich, sondern mit dem Ferrocarril de Mallorca, einem rollenden Wunderwerk aus Mahagoni, Messing und Eisen. Es verbindet das Gebirgstal im Nordwesten der Insel mit Palma.

Mitten in der Hauptstadt an der Plaza Espana liegt der kleine Bahnhof - mit seinen filigranen Säulen und schmiedeeisernen Verzierungen eine anrührend anachronistische Insel im Lärm dieses wohl verkehrsreichsten Platzes Mallorcas. Über dem einzigen Bahnsteig hängt ein Messingschild: Siemens 1929. Da hatte die Bahn ihre Jungfernfahrt schon siebzehn Jahre hinter sich. 1912 wurde die Strecke fertig, ursprünglich gebaut, um die Zitrusfrüchte und Stoffe aus Sóller zum Hafen nach Palma zu bringen. Heute befördert der Zug vor allem Tagestouristen und Wanderer in das Gebirgsstädtchen.

Die holprige Fahrt mit dem Ferrocarril ist die einzig wahre Art, sich auf den Weg nach Sóller zu machen. Wenn die hölzernen Waggons durch die Ebene auf die Bergkette der Sera Tramuntana zurattern und der erste von unzähligen Tunneln naht, muß man nach draußen auf den Perron und das Gesicht in den Fahrtwind halten, eine Hand fest an der polierten Messingstange. Die kleine Plattform mit dem niedrigen Eisengeländer ächzt und rüttelt die Wände im Tunnel kommen beängstigend nah.

Wieder und wieder taucht der Zug in den Berg, dazwischen verändert sich die Landschaft: enge Schluchten, im Sturm gekrümmte Olivenbäume, lose geschichtete tanca-Mauern bis hoch in die Felshänge. Und dann auf einmal als erstes der Geruch: der süß-herbe Duft von Tausenden von Orangen- und Zitronenblüten.

Noch ein Tunnel - und da liegt es: das "Tal des Goldes", "Suliar", wie die Araber Sóller nannten und die das Gold der Zitrusfrüchte meinten. Eine fruchtbare Oase, gegen den Rest der Insel abgeschirmt durch die Berge, aber zum Meer hin offen. Die ersten Orangensegler fuhren schon Ende des 18. Jahrhunderts von Port de Sóller nach Frankreich. Und die Alten in der Stadt sprechen wie selbstverständlich Französisch.

Sich dem Tourismus anzubiedern hatten die wohlhabenden Bürger von Sóller nie nötig. Noch immer hat das Städtchen nur zwei kleine Hotels. Außer einigen Wanderern und Künstlern zieht es niemand für länger hierher. Auch die Ausflügler aus Palma, die mit dem Zug gekommen sind, trinken höchstens einen café con leche unter den frisch gestutzten Platanen der Plaza und fahren dann mit der alten Straßenbahn weiter zum Hafen hinunter.

Am frühen Abend, wenn die entradas der Bürgerhäuser geöffnet werden und den Blick in prachtvolle Eingangshallen und üppige Gärten freigeben, sind die Sollerenser wieder unter sich. Und wenn später die jungen Leute auf ihren Mopeds nach Porto in die Disco gefahren sind, ist es still auf der Plaza.