Ein Tastendruck, die Füße Claude Nuridsanys auf den Pedalen bewegen sich unmerklich, schon fährt die ferngesteuerte Kamera beinahe lautlos herab, streift wie suchend durch das dichte Gras und hat schließlich das Objekt voyeuristischer Begierde fest im Blick: einen Marienkäfer bei der Morgentoilette.

Was wie ein Zufall aussieht, eine glückliche Begegnung, ein Schnappschuß, ist das Ergebnis kühler Kalkulation. Claude Nuridsany und Marie Pérennou haben mit gewaltigem technischen Aufwand einen Tierfilm gedreht. Nein, keine jener Massenproduktionen, wie sie am Fließband für die begierigen Fernsehanstalten produziert werden. "Mikrokosmos" ist ein Spielfilm, abendfüllende Kinounterhaltung. Ort der Handlung: eine Wiese irgendwo in Südfrankreich. Darsteller: knapp zwei Dutzend Insektenarten. Zeit: ein Tag vom Sonnenaufgang bis zum nächsten Morgengrauen. "Eineinviertel Stunden auf einem unbekannten Planeten", preist der Verleih den Film an. "Die Erde wird - Zentimeter für Zentimeter - neu entdeckt." Wenn aus Raupen Riesen werden, ist das durchaus wörtlich gemeint.

Nicht nur die ungewohnte Perspektive, das ganze Unternehmen ist gewagt. Mehr als vierzig Jahre nach der legendären Disney-Produktion "Die Wüste lebt" trauen sich zwei Regisseure mit ihren unscheinbaren Stars auf die Leinwand und vor ein zahlendes Publikum. Doch aller Voraussicht nach wird die Rechnung aufgehen. Denn "Mikrokosmos" ist das Werk zweier begeisterter Biologen und Tüftler. Zwei Jahre lang hat allein die Entwicklung der Filmausrüstung gedauert.

Faszinierende Bilder sind das Ergebnis.

Mühelos scheint die Kamera die Distanz zur fernen und doch so nahen Mikrowelt unter unseren Füßen zu überwinden. Der Betrachter im Kinosessel schrumpft auf Blattlausformat. Doch anders als die Schreckensgestalten aus Tarantula oder Arachnophobia, Gruselschockern längst vergangener Jahrzehnte, wirken die fremden Wesen plötzlich vertraut. "Unsere Absicht war, ständig mit den Insekten auf gleicher Höhe zu sein als ob man mit dem Kinn auf dem Boden liegt", erklärt Marie Pérennou.

Honoriert wurden die Anstrengungen auf dem diesjährigen Filmfestival in Cannes mit dem "Großen Preis der Technik". Eine hart erkämpfte Auszeichnung: Dreharbeiten über weitere drei Jahre, achtzig Kilometer belichtetes Filmmaterial, sechs Monate Arbeit am Schneidetisch - jeder Hollywood-Produzent hätte angesichts dieses Zeitplans kaltlächelnd abgewinkt: zu teuer.

Doch Claude Nuridsany und Marie Pérennou haben ihren amerikanischen Kollegen eines voraus: Ihre Stars spielen ohne Gage. Allerdings sind sie wie ihre menschlichen Pendants nicht immer pflegeleicht.