Wir haben mehr Ergebnisse bekommen, als wir in unseren kühnsten Träumen erwartet hatten", schwärmt Professor Onno Oncken vom Geo-Forschungszentrum Potsdam (GFZ). Zusammen mit russischen, amerikanischen und spanischen Kollegen haben die Potsdamer Geowissenschaftler den Ural eingehend untersucht, quasi durchleuchtet. Die in der Tiefe verborgenen Strukturen der Bergkette, die traditionell als Grenze zwischen Europa und Asien gilt, sind nun, durch aufwendige seismische Verfahren enthüllt, so gut bekannt wie bei keinem anderen Gebirge auf der Erde. Beim Projekt Urseis-95 ging es unter Federführung des GFZ zum einen darum, an einem markanten Beispiel den Bau von Gebirgen so intensiv wie möglich zu studieren. Zum anderen aber kam es den Wissenschaftlern speziell auf den Ural an, der bei früheren Untersuchungen durch eine ungewöhnlich dicke Erdkruste aufgefallen war.

Die großen Höhenzüge der Erde liegen nicht zufällig über die Erde verstreut, sondern markieren aktuelle oder ehemalige Zonen dramatischer Kollision der Platten, welche die äußere Hülle der Erde bilden.

Wenn dabei, mit einer Geschwindigkeit von einigen Zentimetern pro Jahr, Kontinente aufeinandertreffen, werden diese geradezu miteinander verschweißt. In der frischen Schweißnaht ist die kontinentale Kruste erheblich verdickt: Ein Gebirge wächst nicht nur in die Höhe, es bekommt auch eine "Wurzel" in der Tiefe. Normalerweise ist die Erdkruste etwa 30 bis 40 Kilometer dick, unter dem Himalaya etwa jedoch bis 75 Kilometer.

Aber irgendwann läßt auch in einer Knautschzone der Druck nach, weil das Muster der wandernden Platten sich anders arrangiert.

Das Gebirge wird allmählich abgetragen. In dem Ausmaß, wie es an Masse verliert, schwimmt die darunter liegende kontinentale Erdkruste in dem schwereren Erdmantelgestein auf, ähnlich einem Eisberg im Wasser, und die Stärke der Kruste nimmt ab. So stellten Forscher denn auch beispielsweise unter den deutschen Mittelgebirgen, den Resten des einst gewaltigen Variszischen Gebirges, das sich vor über 300 Millionen Jahren durch Mittel- und Westeuropa zog, eine normale Krustendicke fest.

Warum besitzt dann der Ural immer noch eine tiefe Wurzel? Auch diese alte Schweißnaht aus dem Erdaltertum ist inzwischen auf ganzer Länge, vom Nordmeer bis nach Kasachstan, zum Mittelgebirge verfallen. Daß die Erdkruste hier dennoch ungewöhnlich dick ist, war schwer zu verstehen und reizte die Neugier der Geowissenschaftler.

Entlang einem 500 Kilometer langen Profil arbeiteten sich Forscher und Techniker durch den Südural seismisch voran. In regelmäßigen kurzen Abständen lösten sie Minibeben aus - entweder mit Hilfe von rüttelnden Vibratoren oder durch Sprengungen. Die Schwingungen drangen tief in Kruste und Mantel ein, wurden von Strukturen im Untergrund reflektiert und an der Erdoberfläche von jeweils 360 in einer achtzehn Kilometer langen Kette angeordneten Meßinstrumenten, sogenannten Geophonen, aufgenommen.