Das gegenwärtige Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat ähnelt in vielem der Beziehungskrise eines älteren Ehepaars: Nachdem die Kinder aus dem Haus sind, der Frieden mit den Nachbarn geschlossen wurde und nur noch spärliche Pensionsbezüge fließen, breiten sich Einsamkeit, Langeweile und Zukunftsängste aus. In solchen Zeiten haben Sinn- und Orientierungsfragen Konjunktur. Das momentane Überangebot an Diagnosen und Therapien, mit denen der dahinsiechenden Demokratie wieder auf die Beine geholfen werden soll, verstärkt freilich eher noch den Irritationseffekt: Welcher Weg ist der richtige? Welche Mittel garantieren heilende Wirkungen?

Fragen, auf die auch der vorliegende Band trotz illustrer Teilnehmerschar kaum neue Antworten gibt. Zugestanden: Wer sich über die Untiefen (aber auch Errungenschaften) des demokratischen "Projekts" an der Jahrhundertwende informieren will, wird bestens bedient. Das Spektrum der Beiträge reicht von der Bestimmung kultureller und institutioneller Grundlagen über Probleme der nationalen und internationalen Konfliktregelung bis zur Diskussion des allgegenwärtigen Wertewandels und der damit einhergehenden Politik- und Partizipationsmüdigkeit in den westlichen wie östlichen Demokratien. Mit System und Verstand hat Werner Weidenfeld die über zwanzig Aufsätze um die Trias von sozialer Auszehrung, politischer Defensive und postnationaler Globalisierung gruppiert, wobei die Verdrängung von Gemeinsinn durch "Eigensinn" und das "vagabundierende Identitätsbedürfnis" spätmoderner Gesellschaftsmitglieder genauso Berücksichtigung findet wie die europäische Integration oder der offen ausgebrochene "Wettbewerb der Kulturen".

Allein, der zündende Ideenfunke fehlt. Mit seltsamer Monotonie wiederholen sich die sattsam bekannten Ratschläge: intensivere Beteiligung der Bürger an Entscheidungsprozessen, mehr Selbstengagement und Solidarität, Abkehr vom Wohlfahrtsstaat zur "Wohlfahrtsgesellschaft" (Warnfried Dettling), Suche nach einem "Kernbestand gemeinsamer Werte" (Amitai Etzioni und Jean-Marie Guéhenno), Hinwendung vom Anspruchsdenken zur "Verantwortungsgesellschaft" (Helmut Klages), Aufhebung der Trennung von privater und öffentlicher Sphäre durch eine neue "Reflexion auf das Ganze" (Cornelia Klinger) und die Schaffung "intermediärer Institutionen" (Peter L. Berger) in Form von Verbänden und Initiativen, die den sinnentleerten Raum zwischen den bürokratischen "Megastrukturen" und den individuellen Lebensbereichen überbrücken sollen.

Wie kommt es, daß die meisten Vorschläge zur Stärkung republikanischer Tugenden, zur "Re-Demokratisierung" (Karl Kaiser) der internationalen Märkte und zur Vertiefung des "humanitären Engagements" (Jean-Christophe Rufin) in einer konflikterschütterten Welt so hilf- und haltlos wirken? Liegt es daran, daß sich "unser Planet", wie Benjamin R. Barber schreibt, in einem Kampf von "Djihad versus McWorld" befindet, der einen Graben zwischen globalen Massenkulturen und partikularen Stammeskulturen aufgerissen hat? Ist es die "kontinuierliche Abnahme der Spürbarkeit von Politik", die nach Gerhard Schulze zu einer "Wahrnehmungsblockade" zwischen persönlichen und kollektiven Interessen geführt hat? Oder ist der "Teufelskreis der politischen Fragmentierung" schuld, der nach Ansicht Charles Taylors das "Empfinden einer korporativen Zusammengehörigkeit" um so mehr verkümmern läßt, je stärker die "Erfahrung der politischen Ohnmacht" zunimmt?

Gewiß gibt es keine Patentrezepte dafür, wie sich eine "gute Gesellschaft" aus dem brüchigen Kitt demokratischer Traditionen aufbauen läßt.

Gleichwohl wird man den Eindruck nicht los, als werde die Krise der Demokratie mehr herbeigeredet, als daß sie tatsächlich stattfindet.

Die Suche nach einem veränderten Verantwortungsbewußtsein, nach Ersatzinstitutionen und moralischen Orientierungen läuft unterm Strich auf eine Diätetik der Politik hinaus, die weder grundsätzlich neu noch besonders originell ist. All das, was jetzt mit Vehemenz und Sorge an notwendigen Kurskorrekturen eingefordert wird, ist nicht Ausdruck des Niedergangs, sondern einer Gefährdung des demokratischen Systems, die so alt ist wie dieses selbst.