Grabstätten sind Vertragsorte der Lebenden. In der ostbrandenburgischen Kleinstadt Halbe kommen mehr als zehn Kriegstote auf einen Einwohner.

Auf dem Waldfriedhof liegen die 22 000 Toten der letzten großen Kesselschlacht des Zweiten Weltkrieges, mehr als die Hälfte davon unbekannt. An kaum einem Ort Deutschlands ist der anonyme Massentod so präsent wie hier, schreiben die Herausgeber eines Bildbandes, der eine doppelte Vergangenheit dokumentiert: die letzten Kriegswochen - und die Jahre der Umbettungen, Räumungsarbeiten und endlosen Konflikte um Friedhofgestaltung und Gedenkfeiern. Der 1951 angelegte Waldfriedhof entwickelte sich zu einer Nekropole besonderer Art.

Hier fanden nicht nur Soldaten (Wehrmacht wie Waffen-SS) ihre Grabstätte, sondern auch Ziviltote, Flüchtlinge wie Evakuierte, Zwangsarbeiter, Opfer der Wehrmachtjustiz und die sterblichen Überreste von circa 4500 Opfern eines nahe gelegenen sowjetischen Internierungslagers. Sind sie im Tod alle gleich? Die Autoren widersprechen. Wie verschieden, gegensätzlich, ja unversöhnlich die Wege zu dieser letzten Ruhestätte waren, dokumentiert der Band in zahlreichen Einzelzeugnissen. Wohl die Totenklage, aber nicht die Erinnerung kann daran vorbeigehen. Ein Blick in die Auszüge aus den Besucherbüchern von Friedhof und Ausstellung in Halbe zeigt, wie brüchig die Vertragsverhältnisse sind.

Herbert Pietsch, Rainer Potratz und

Meinhard Stark (Hrsg.):

Nun hängen die Schreie mir an . . .

Halbe - Ein Friedhof und seine Toten