Angenehm erschöpft von einem anstrengenden Tagesmarsch, sitzt der Wanderer auf einer von der Herbstsonne warmen Bruchsteinmauer.

Im rechteckigen Klostergarten hinter ihm rumort es. Prächtige Gemüsebeete, Reihe an Reihe, unterbrochen von bunten Blumenflecken.

Ein Sprinkler wird sorgfältig herumgerückt und ausgerichtet, daß auch jede Pflanze das nötige Wasser bekomme. Ein Mann schaut zufrieden auf sein Werk. Das Gewand weist einige Wasserflecke auf, am Schuhwerk haftet Erde. Es ist Abend. Eine Glocke läutet - sicher auch zur Vesper, denn der Magen des Wanderers knurrt gewaltig. Auf der gegenüberliegenden Bergflanke zeichnen sich undeutlich einzelne, verstreute Höfe oder Häuser ab. Dahinter, weiter oben, grau-karge Gipfel. Hier unten jedoch, in der Propstei St. Gerold, läßt sich gut sein.

Der Propst, Herr dieser österreichischen Außenstelle des Klosters Einsiedeln in der Schweiz, lädt zu einem Glas Wein. Das tut er gern. Hier im Großen Walsertal hat der Benediktinermönch Nathanael Wirth seit 1960 eine Begegnungsstätte und ein Kulturzentrum aufgebaut.

Hinter der weiß leuchtenden Fassade der wuchtigen Klostermauern verbergen sich keine Mönchszellen mehr. Heute öffnen sich die Zellentüren als Gästezimmer für fünfzig Besucher.

Die Sennerei und der Käsekeller wurden zum Restaurant "Klosterkeller" umfunktioniert, der vorgelagerte Gutsbetrieb modernisiert. Das Matratzenlager in der ehemaligen Klosterschmiede beherbergt unangemeldete Wanderer. Die Krönung geistlichen Luxus ist ein Hallenschwimmbad, das von Sonnenkollektoren erwärmt wird. Dieser Körperkult war den Brüdern im Stammhaus Einsiedeln zunächst suspekt, möglicherweise spielte weltlicher Neid eine Rolle. Daß gemeinsames Baden von Männern und Frauen dem Seelenheil nicht unbedingt schadet, darum wußten bereits die mittelalterlichen Mönche aus praktischer Erfahrung.

So konnte der Abt überzeugt werden, daß die Gäste modernen, auch leiblichen, Komfort erwarten. Es siegte die benediktinische Sinnenfreude, das Schwimmbad wurde gebaut. Propst Nathanael jedenfalls schwört darauf, daß Leib und Seele zusammengehören.