Nach der preußischen Aktenordnungsmethode werden Akten (anders als nach der bayerischen) chronologisch von vorn nach hinten geordnet: Das jeweils aktuellste Aktenstück wird am Ende abgeheftet.Mit einem normalen Aktenordner läßt sich das technisch nur schwer bewerkstelligen es erfordert vielmehr speziell angefertigte Ordner - solche wie jenen, in dem der fünf Jahre dauernde klägliche Versuch der Kultusminister, eine deutsch-deutsche "Darstellung der deutschen Geschichte im Unterricht" zustande zu bringen, säuberlich eingesargt ist. Doch die gesamtdeutsche Empfehlung scheiterte, die innerdeutschen Spannungen blieben unüberwindlich.Welch Lehrstück aus den Kindertagen des geeinten Deutschland, was für ein Dokument für den Mangel an wissenschaftlicher und politischer Fairneß zwischen Ost und West.Vor einem Jahr heftete der zuständige Ministerialbeamte das letzte Aktenstück, einen entsprechenden Bescheid der Kultusministerkonferenz, ergangen im Oktober 1995 zu Halle, hinten ab und verstaute den Akt in seinem Aktensc hrank, begraben und vergessen. Einige unruhige Geister aber treibt die Geschichte mit der deutschen Geschichte noch um, vor allem den Niedersachsen Rolf Wernsted. Er war wesentlich dafür verantwortlich, daß eine gemeinsame Geschichtsdarstellung überhaupt gewagt wurde.Seinem Kollegen aus Sachsen-Anhalt, Karlheinz Reck, wird die Schuld daran gegeben (und der nimmt sie auch auf sich), daß das große Werk schließlich nicht zustande kam.In einer Art Reflexhandlung, wie ein Beteiligter das nannte, veranstalteten beide kürzlich zusammen mit Historikern in Wittenberg eine Tagung, deren Thema nach neuer Einsicht und ehrlicher Reue klang: "Deutschl and ist nicht nur Deutschland".Am Ende waren sich alle einig: Nie wieder wolle man die Auseinandersetzung über deutsche Vergangenheit und Gegenwart den Schulbürokraten überlassen. Minister Reck nutzte die Gelegenheit, sein Veto zu begründen. Hier werde den Schulen wie in DDR-Zeiten ein Geschichtsbild verordnet, eine Lehrmeinung von der Obrigkeit aufgezwungen.Und es werde nicht zur Kenntnis genommen, daß es außer leidenschaftlichen Bürgerrechtlern und linientreuen Stasi-Spitzeln in der DDR auch - und zwar in der Mehrzahl - ganz normale Bürger gab, "die hier ein erfülltes Leben gelebt haben, und die hier auch Glück gefunden haben unter den Bedingungen, die hier geherrscht haben".Bestimmte also Schwarzweißmalerei aus westlichem Bli ckwinkel das gemeinsame Geschichtsbild?Wie konnte es soweit kommen?Wer nach Antworten sucht, muß den vor Jahresfrist vergrabenen preußischen Ordner exhumieren.Er dokumentiert sinnfällig nicht nur die zahlreichen Verkrampfungen der Deutschen im Umga ng mit der eigenen Geschichte, sondern auch die schon seit Jahrzehnten zementierten Positionen innerhalb der damals rein westlichen Kultusministerkonferenz.Durch den Beitritt der neuen Länder kam noch ein weiterer Konfliktherd dazu.Als Minister Wer nstedt 1990, überwältigt von Wende-Euphorie, forderte, die Schuljugend des frisch vereinten Deutschland brauche einen pädagogischen Leitfaden, der den historischen Gemeinsinn fördere, befiel einige altgediente KMK-Bürokraten gleich die Ahnung, daß dem Unternehmen nur wenig Segen beschieden sein werde.Sie wurden von schlechten Erinnerungen gequält - an die Kultusministerempfehlung "Die deutsche Frage im Unterricht" aus dem Jahr 1978, die vor allem wegen kaum zu überhörender deutschtümelnder Töne den Ministern die helle Empör ung auch des polnischen Nachbarn eingebracht hatte. Und diese Leiche sollte nun zur historisch-kosmetischen Nachbehandlung wieder ausgegraben werden?Doch die Angelegenheit nahm ihren bürokratischen Verlauf.Mit Datum vom 10.Februar 1992 wurde eine Arbeitsgruppe von vier Experten aus Bayern, Berlin, Thüringen und Niedersachsen beauftragt, bitte sinnstiftend zum fünften Jahrestag der Wende einen konsensfähigen Entwurf vorzulegen.Aber bald hörte man von "fürchterlichen Streitigkeiten" der Experten untereinander - und zwar zunächst keineswegs, w ie zu erwarten gewesen wäre, mit den Vertretern der neuen Bundesländer.Die verhielten sich erst mal ruhig und wirkten im Urteil ihrer Westkollegen eher "wenig sprachfähig". Nein, erneut gestritten wurde um die großen historischen Debatten der alten Bundesrepublik: über die Kriegsschuldfrage 1914, über die Diktion "Machtergreifung" oder "Machtübertragung" im Jahre 1933, über den Begriff "Nation" und "nationale Identität".Dabei gerieten historisch und politisch Strittiges hoffnungslos durcheinander. Als durchsetzungsfähiger erwiesen sich schließlich die Konservativen, also eine Fraktion "mit starker Affinität zu vertriebenenpolitischen Positionen".Meinten jedenfalls die Kombattanten von der Gegenseite. Wie auch immer, als dann Mitte 1994 das fertige Produkt, ein Konvolut von 22 Seiten nebst Anhang, den sechzehn Kultusministerien zur ersten Begutachtung vorlag, hatte jeder was zu meckern.Offene Empörung herrschte vor allem in Brandenburg, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Erbittert forderten die Brandenburger, was in der Arbeitsgruppe bislang kaum eine Rolle gespielt hatte: den Hinweis und die angemessene Berücksichtigung der DDR-Vergangenheit.Der Entwurf sei ein "von westlicher Überlegenheit geprägter Blick auf die vierzigjährige Vergangenheit der Teilung und der Existenz zweier deutscher Staaten". Ausgeblendet werde unter anderem die wechselseitige Feindbildproduktion und -eskalation, außerdem die spezifische Geschichte und Funktion des Antikommunismus in der "alten" Bundesrepublik.Allseits erfahrbar sei, "daß die anfängliche Freude und Erleichterung über die Vereinigung einer erheblichen Ernüchterung" auf beiden Seiten gewichen ist und "die Mauer in den Köpfen und Herzen weiterbesteht". Damit war das Unternehmen vorerst gescheitert, und für seine Zukunft sah es auch nicht gut aus, wie Werner Knepper, zuständiger Ministerialrat im nordrhein-westfälischen Kultusministerium, damals prophezeite: "Nach dieser wenig überzeugenden Vorlage müssen die langfristigen Einigungschancen in der KMK düster eingeschätzt werden."In der Folge wurde das Papier an die Bundesländer zwecks Verbesserung weitergegeben und damit das Problem versechzehnfacht.Immerhin bestand in diesem Stadium noch eine C hance, auf der normalen bürokratischen Durststrecke einfach vergessen zu werden. Das Pech aber wollte es, daß just der um einige "Volkstümelei" erleichterte Verbesserungsvorschlag aus Nordrhein-Westfalen auf den Schreibtisch des bayerischen Kultusministers Hans Zehetmair geriet.Der machte die Angelegenheit zur Chefsache und fuhr seinen damaligen Kollegen Hans Schwier per Post an: "Eine solche Position, die die deutsche Geschichte verleugnet, trage ich nicht mit." Bayern drohte aus dem historischen Vereinigungswerk auszusteigen, ausgerechnet im feierlichen fünften Wendejahr.Den Kultusministern stand ein mittelschwerer Skandal ins Haus. Der damaligen KMK-Präsidentin, Hamburgs Schulsenatorin Rosemarie Raab, gelang es, die Wogen noch einmal zu glätten.Der Entwurf wurde "zur weiteren Beratung" an die inzwischen personell erweiterte Arbeitsgruppe zurückverwiesen, und alle Einigungshoffnung ruhte auf dem Hamburger Landesschulrat Peter Daschner, der neu zur Arbeitsgruppe hinzugestoßen war.Daschner machte sich keine Illusionen über seine Mission."Ich sollte einen Kompromiß zustande bringen, meine Rolle war: retten, was noch zu retten ist", erinnert sich Daschner heute.Viel war sowieso nicht mehr zu retten.Daschner resümiert: "Je weniger Einheit herrschte, desto abstrakter wurde das Papier." Längst hatten alle die Lust verloren.KMK-Empfehlungen seien ohnehin Muster ohne Wert, nur dazu verurteilt, in den Aktenablagen der Schulen zu vermodern - meinten die Wessis.KMK-Empfehlungen seien direkte westliche Angriffe auf die frisch eroberte Lufthoheit über den Schulhöfen - fürchteten die Ossis.Viel besser sei es, die Sache aus der Zuständigkeit der Politik herauszulösen und den Sachverständigen, den Historikern, zu überantworten. Was den Kultusministern dann in Halle vorgelegt wurde, war als pädagogisch-historisches Vereinigungswerk kaum vorzeigbar: ein auf inzwischen dreizehn Seiten geglättetes, gleichsam rundgelutschtes Pamphlet von bestürzender Dürftigkeit.Hätte nicht Sachsen-Anhalts Karlheinz Reck derart die Fassung verloren, es wäre still in der Versenkung verschwunden.Nur Sachsen und - ausgerechnet - Bayern und Nordrhein-Westfalen erklärten sich dazu bereit, es an die Schulen weiterzugeben, wobei in Nordrhe in-Westfalen diese Absicht nie umgesetzt wurde und Bayern seine alten, den Diskussionen zum Opfer gefallenen Passagen teilweise wieder hineinschrieb. Wie soll nun künftig deutsche Geschichte an den Schulen gelehrt werden?Die Tagung in Wittenberg über die deutsche Geschichte hat allenfalls dazu gereicht, sich das Ausmaß der Probleme bewußtzumachen. Dort waren übrigens die Wessis alle zusammen in einem Hotel in der Innenstadt untergebracht, während die Ossis draußen vor der Stadt logierten.