Einheit ist die Frage der SPD - sie wird dadurch ausgeschaltet." Mit dieser internen Notiz Wilhelm Piecks vom Frühjahr 1944 im Moskauer Exil wurde die Strategie der KPD und das fatale Dilemma der SPD in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR in militärisch-knapper Kürze auf den Punkt gebracht.Mit der SED-Gründung zwei Jahre später war die SPD als eigenständige Partei verschwunden, aber das Trauma blieb.Denn die "Ausschaltung" ließ sich keineswegs so einfach realisieren, wie dieser dem technischen Vokabular entlehnte Begriff suggeriert.Die in nere Geschichte der SED ist vielmehr besonders in den Anfängen auch eine Geschichte des permanenten Kampfes gegen den unbewältigten "Sozialdemokratismus" in den eigenen Reihen.Wenn dieser nicht bloß ein Phantom der Verfolger war, mußte offenbar von der ausgeschalteten SPD noch ein gefährliches Widerstands- und Resistenzpotential übriggeblieben sein. Die Geschichte dieser Ausschaltung und derer, die sich dagegen wehrten, ist ein wichtiges Kapitel in der Entstehung der SED-Diktatur. Parallelen zum "Dritten Reich" sind dabei nicht nur von außen herangetragen, sondern waren auch im Bewußtsein der Betroffenen durchaus präsent.Der anfangs noch nachhaltige Widerstand erlosch aber ähnlich wie in den dreißiger Jahren, weil systematische Verfolgung und Terror, Flucht nach Westen, Integration und Anpassung bald kaum noch alternative Perspektiven boten. Das Buch von Beatrix Bouvier untersucht diesen Themenkomplex bis zum Aufstand von 1953, der in seinen Parolen, Programmen und Verlaufsformen viele Traditionsbezüge aus der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zeigte.Zwar war das Thema "Sozialdemokratismus" auch in den folgenden Jahrzehnten für die SED keineswegs erledigt, aber was später immer mehr den Charakter eines ideologischen Versatzstückes mit fast beliebigem Inhalt annahm, bildete in der Anfangsphase ganz off enkundig noch ein gravierendes Problem für die Herrschaftssicherung der SED als leninistischer Kaderpartei. Auf der Basis eines umfassenden, neuen Quellenmaterials (Akten der SED und der Stasi, Nachlässe, Erinnerungen, Befragungen) macht die sorgfältig recherchierte, mit Engagement, aber zugleich in kritischer Distanz geschriebene Studie deutlich, daß die Substanz des sozialdemokratischen Potentials in der SED seit Anfang der fünfziger Jahre im wesentlichen zerstört war. Wie das geschah, wird präzise von 1945 an verfolgt: vom rasanten Wachstum der SPD im Sommer 1945, dem ebenso schnell wachsenden Mißmut gerade der einfachen SPD-Mitglieder gegenüber der von der Besatzungsmacht bevorzugten KPD, von den Ebenen, Formen und Methoden der Einheitskampagne, den Hoffnungen auf eigene Stärke in der neuen Partei bis hin zur Stalinisierung der SED seit 1948 mit vielen regionalen Besonderheiten.Ein großer Teil früherer SPD- Mitglieder verweigerte die Parteiüberprüfung oder trat aus der SED aus, während offener oder verdeckter Widerstand kaum noch möglich war, allenfalls in den größeren Zentren und früheren Hochburgen wie Halle oder Leipzig.Mit dieser Stalinisierung der "Partei neuen Typs" hörte die SED in der Tat auf , eine "Einheitspartei" in dem Sinne zu sein, in dem sie 1946 angetreten war. In den Grundzügen ist das nicht neu, aber in der zum Teil minutiösen, differenzierten Nachzeichnung doch eine wesentliche Ergänzung bisheriger Forschung.Vor allem gilt das für die Darstellung der frühen Kampagnen gegen den "Sozialdemokratismus", die sich nicht nur auf Kritik an ideologischen Abweichungen beschränkten.Die ausführliche Darstellung der vorbereiteten und durchgeführten Schauprozesse, der riesigen und in stereotypen Formen ablaufenden Verhaftungswelle und Verurteilung ehemaliger Sozi aldemokraten, denen Kontakte zum Ostbüro der SPD vorgeworfen wurden, ist gerade in der nüchternen Sprache der Autorin eine beklemmende Lektüre. So wurde parallel zum Dessauer Schauprozeß gegen Leo Herwegen und andere führende CDU-Politiker Willi Brundert, der im "Dritten Reich" Kontakte zum Kreisauer Kreis gehabt hatte, im Oktober 1949 verhaftet.Dem Ministerialdirektor im Wirtschafts- und Verkehrsministerium der Landesregierung Sachsen-Anhalt wurde vorgeworfen, er sei der Kopf einer illegalen "SPD-Fraktion", der "Schumacher von Sachsen-Anhalt" und betreibe im britischen Auftrag Wirtschaftssabotage.Mit der Verurteilung zu fünfzehn Ja hren Zuchthaus sollte hier ein Exempel statuiert und der Kampf gegen den Sozialdemokratismus forciert werden. Während Brundert nach seiner Haftentlassung 1957 und der Flucht in die Bundesrepublik selbst über seinen Schauprozeß berichtet hat, liest sich die aus Interviews und unveröffentlichten Erinnerungen rekonstruierte Biographie des einfachen Braunschweiger SPD-Mitglieds Willi Köhler bis 1945 wie ein idealtypischer Lebensweg in der traditionellen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung.Was folgte, war kein Einzelfall: Als Gegner der Zwangsvereinigung landete Köhler im "Spezialla ger" Mühlberg und wurde 1950 im Rahmen der berüchtigten Waldheimer Prozesse zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Gegenüber diesen sehr dichten, exemplarisch gedachten biographischen Teilen der Untersuchung wird die Frage nach der Resistenz und Erosion eines sozialdemokratischen Traditionsmilieus leider mehr angedeutet als entfaltet.Über lokale Fallstudien läßt sich zumindest eine Vorstellung davon geben, wie dieser Erosionsprozeß aussah, auch wenn generalisierende Aussagen dazu sehr schwierig sind. Noch mehr dürfte das für die Rolle des "Sozialdemokratismus" in den Betrieben gelten. Diesem diffizilen Themenbereich nachzugehen war nicht das Ziel des Buches, das vor allem die politischen und erfahrungsgeschichtlichen Konturen von Repression, Ausschaltung, Einbindung, Isolierung und auch illusionärer Selbsteinbindung in der Hoffnung auf das Gewicht der eigenen Tradition nachzeichnet.Piecks fatale Prophezeiung von 1944 ging in Erfüllung.Aber ihre Realisierung reichte weit über das Jahr der SED-Gründung hinaus und bedurfte massiver Gewaltanwendung. Beatrix Bouvier: Ausgeschaltet! Sozialdemokraten in der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR 1945-1953 Verlag J.H.W.Dietz Nachf., Bonn 1996 367 S., 49,80 DM