Karl Corino: "Dichtung in eigener Sache", ZEIT Nr. 41

Die ZEIT hat mit ihrem Zugriff auf Corino zum Tag der Einheit den eigentlich erhellenden Beitrag hinter dem listigen Dossier geliefert: ihr Verständnis von der Einheit der Deutschen. So wird Noblesse auf dem unfreien Markt vertan.

Jens Langer, Rostock

Welche Ungeduld legt der fleißige Rechercheur an den Tag! Hätte er nicht warten können, bis alle Schnipsel aus dem Thesaurus des Wahrheitsministeriums zusammengeklebt sind? Warum so wenig Vertrauen, daß sich nicht doch noch Ehrenrühriges findet, ganz so wie unbekannte Hand schon in Heidelberg auf der PEN-Tagung im Mai 96 eine Ablichtung aus einer Stasi-Akte über Äußerungen Hermlins auf jeden Platz gelegt hatte. Der Rechercheur war anwesend und hätte doch hellhörig werden müssen und erkunden sollen, ob nicht auch Hermlin als ein "Günstling der Mächtigen" ein Doppelgesicht hatte und gar nicht so kritisch-sperrig und anderen hilfreich war, wie er den Bedrängten und der ihm zugeneigten Öffentlichkeit jahrzehntelang erschienen war. Ein schier unendliches Täuschungs-, Fälschungs- und Lügenfeld tut sich auf, sowie alle Fragebögen nach 45 überprüft würden.

Wer hat da alles aus welchen Gründen "gelogen" - in diesem Land der stets nachträglichen Widerständler. Was aber bringt einen Nachgeborenen dazu, von einem erlogenen Lebensmythos zu sprechen?

Ist ihm irgendwie vorstellbar, wie es einem Juden, der auch noch Kommunist war, täglich zumute war und was es bedeutete, in jenen furchtbaren Jahren durch fünf Länder zu irren? Natürlich hat mich die Recherche auch geschockt: zunächst die biographischen Richtigstellungen anhand von historischen Quellen, dann aber mehr die Methode und der Ton der "Enthüllungen". Wieder einmal die Reduzierung eines Lebensgeschicks, einer Lebenshaltung, einer Lebensleistung, indem man alles auf das Format von Karteikarten zu bringen versucht. Da legt einer die Meßlatte des (sozialistischen) Realismus an ein Kunstwerk an. Der Verletzung jenes (verengenden) Prinzips wurde aber der Autor schon in den fünfziger Jahren geziehen.

Wieder einmal bestätigt es sich, wie Gegner ihren Gegenbildern entsprechen. Als wir arglos blauäugigen Ostdeutschen Hermlin lasen, waren uns da die Tatsachen über Abitur, Herkunft der Mutter, KZ-Aufenthalt und Übertrittsdatum in die Schweiz irgendwie wichtig - für die Literatur und für die Bewertung der Person Hermlins? Zumal meine alten DDR-Lexika vom KZ-Aufenthalt nichts berichten. Ist es neu, daß Stephan Hermlin (wie fast alle Dichter) sich stilisierte?