Wer bin ich? Die Frage des Künstlers nach sich selbst gibt es so lange, wie es die Kunst gibt, und die auf Leinwand oder Papier gegebenen Antworten sind eine Kunst- und Sozialgeschichte eigener Art. Vom schüchternen Auftritt als anonymer Statist im Gruppenbild über Dürers ehrgeizige Selbstdarstellung mit den Attributen des Wohlstands und in der Attitüde des Heilsbringers oder Rembrandts lebenslange Selbstverfolgung bis hin zu Francis Bacons Darbietung seines Fleisches liegen knapp fünfhundert Jahre der Geschichte des Ego. Aus dem Rahmen der Gemeinschaft und des Handwerks tritt da der Künstler allmählich hervor, exponiert sich, ist frei und bei sich selbst, stellt sich zunächst gern mit dem Werkzeug des Künstlers dar, in unserem Jahrhundert oft in Attitüden und Masken, die seine Situation zugleich mystifizieren und offenlegen.

Max Beckmann war in diesem Wechselspiel von Maskierung und Enthüllung der brutalste Portraitist seiner selbst. Und nur Francis Bacon übertrifft diesen künstlerischen Exorzismus, weil er keine Umgebung mehr erlaubt und kein Accessoire, sondern nur noch den Kopf malt, das Gesicht, weil er schließlich nicht nur die Maske wegzieht, zu der die Attribute sich addieren, sondern auch die Haut. Die Haut aber ist nicht heruntergerissen, sondern fein säuberlich abgezogen und die frei fließende Masse des Gesichtes dann mit Pinsel und Spachtel neu verteilt, anders akzentuiert. Ein Auge verschwindet, eine Wange läuft aus, ein Kinn und ein Mund wachsen wuchernd zusammen, eine runde Scheibe schafft eine Öffnung oder schließt sie. Dazu die rubensche Lust am Inkarnat und alle Lila-, Rosa-, Grau- und Schwarztöne der Verwesung, nicht pastos aus der Leinwand quellend, sondern genau aufgetragen, ausgewischt, delikat übereinandergesetzt.

Francis Bacon, der trotz eines selbstzerstörerischen Lebens 82 Jahre alt wurde und 1992 starb, liebte das medizinische Fachbuch "Positioning in Radiography", und er liebte es, in Schlachterläden zu gehen: "Wir sind Kadaver in spe. Wenn ich zum Fleischer gehe, finde ich es immer überraschend, daß ich nicht da hänge anstelle des Tieres." Immer wieder hat Bacon sich selbst portraitiert, dabei oft die Triptychonform genutzt, die man ebensogut als rituelle Inszenierung begreifen kann wie als Addition der Varianten. Aber immer sieht man, auch ohne den Röntgenapparat, die eine Erscheinung: den lebenden Toten. ("Francis Bacon - Portraits und Selbstportraits" mit einem Essay von Milan Kundera Verlag Schirmer/Mosel, München 1996 216 S., 98,- DM)