Im Auge des Sturms – Seite 1

Der Ursprung des Daseins ist die Bewegung. Folglich kann es darin keine Bewegungslosigkeit geben, denn wäre das Dasein bewegungslos, so würde es zu seinem Ursprung zurückkehren, und der ist das Nichts.

Deshalb nimmt das Reisen nie ein Ende, nicht in der höheren und auch nicht in der niederen Welt." Diese Worte des arabischen Philosophen Ibn Al Arabi (1165 bis 1240) finden sich in seinem ausführlichen Traktat über das Reisen, dem "Kitâb Al-Isfâr", zu deutsch: "Das Buch der Entschleierung der Auswirkungen des Reisens" - einer mystischen und tiefreligiösen Schrift, in der alles, Gott, das Universum, die Seele, im Zeichen der Bewegung steht, einer Bewegung, die das gesamte Buch hindurch stets nur als Reise bezeichnet wird.

Ich bin kein gläubiger Muslim, ich habe mir das Buch irgendwann einmal in Paris gekauft, weil das Wort voyage, auf arabisch safar, Plural asfâr, darin vorkam, weil es eine zweisprachige Ausgabe war und ich die arabische Schrift so schön finde und auch, weil mir schon beim flüchtigen Hineinschauen in jenem Pariser Buchladen ein paar Dinge in der Einführung auffielen, die jeden wirklichen Reisenden beschäftigen, mag er nun im 12. oder im 20. Jahrhundert leben. Der Übersetzer, Denis Gril, von dem auch diese Einführung stammt, schreibt, daß er das Wort Auswirkungen auch mit Früchte hätte übersetzen können - einerseits, um das positive Resultat des Reisens hervorzuheben, andererseits aber auch, weil das arabische Wort natâ'ij von seiner etymologischen Wurzel her den Gedanken an Gebären wachruft, was wiederum auf die geistigen, spirituellen Früchte des Reisens verweist: Eine Reise, heißt es im Text, nennt man Reise, weil sie den Charakter der Me nschen offenbart oder, wenn man es einfacher ausdrücken will für denjenigen, der allein reist: Auf Reisen lernt man sich selbst kennen.

In dieser Einführung fällt aber auch noch ein anderes Wort, das möglicherweise mit meiner Faszination für Santiago de Compostela zusammenhängt: siyâha, Pilgerfahrt. Sie wird so definiert: "Parcourir la terre pour pratiquer la méditation - i'tibâr - et se rapprocher de Dieu", "In der Welt herumreisen und meditieren und Gott näherkommen".

Letzteres wäre für mich eine Prätention, wenn ich hier allerdings das Wort Gott durch Rätsel ersetze, wage ich es zu unterschreiben.

Denn wie entwickelt sich so etwas? Eines Tages, und ich weiß, wie romantisch und altmodisch das klingt, aber in meinem Leben hat es sich so abgespielt, habe ich einen Rucksack gepackt, Abschied von meiner Mutter und den Zug nach Breda genommen und habe mich eine Stunde später - Sie wissen, wie groß die Niederlande sind - an der belgischen Grenze an den Straßenrand gestellt und den Daumen hochgestreckt und damit habe ich eigentlich nie mehr aufgehört.

Jeder meditative Gedanke, jede metaphysische Prätention war mir in diesem Augenblick sehr fern, diese Dinge kommen erst später, im Grunde ist es wie bei der Gebetsmühle der Tibeter: Die Bewegung geht dem Gedanken voraus. Anders ausgedrückt: Ich habe nie mehr aufgehört, mich zu bewegen, und nach und nach habe ich angefangen, dabei zu denken, und wenn Sie wollen, dann dürfen Sie dieses Denken Meditieren nennen.

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Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt und Ort, einen langen Vortrag über die Essenz des Reisens zu halten, doch zwei Dinge sind von Belang: Wer ständig reist, ist stets irgendwo anders - das gilt für einen selbst - und damit stets abwesend - das gilt für die anderen, die Freunde denn für sich selbst ist man zwar "irgendwo anders" und damit auch irgendwo nicht, aber man ist auch ständig und immer irgendwo, nämlich bei sich selbst. So einfach das auch klingen mag - es dauert lange, bis man es ganz begreift. Denn da sind immer die anderen, die mit ihrem Unverständnis an einen herantreten. Ich weiß nicht, wie oft ich mir schon Pascals Diktum: "Das Unglück in der Welt kommt daher, daß die Menschen es keine vierundzwanzig Stunden in ein und demselben Raum aushalten", habe anhören müssen, bis mir langsam klar wurde, daß im Grunde ich es war, der immer zu Hause war, das heißt: bei mir selbst. Doch dieses reisende Selbst wurde immer wieder mit den Fragen der Daheimgebliebenen konfrontiert, wobei eine Frage bei jedem Interview zwanghaft wiederkehrte, und zwar so oft, daß ich nicht mehr weiß, wie viele Antworten ich dazu erlogen habe: "Warum reisen Sie, warum reisen Sie soviel?"

und dann, beschuldigend: "Ist das eine Flucht?", womit dann gemeint wurde und wird: eine Flucht vor sich selbst, wobei ich dann wiederum ein dämonisches, pathetisches, zerrissenes Selbst sehe, das mich ständig von neuem in die Wüste oder aufs Meer hinausjagt, denn die wirkliche Antwort, die etwas mit Lernen und Meditieren, mit Neugier und Perplexität zu tun hat, ist nicht spektakulär genug.

1993 schrieb ich ein Vorwort zu einem kleinen Buch mit dem Titel "Der König von Surinam". Es versammelt meine allerersten, in den fünfziger Jahren geschriebenen Reisegeschichten, als ich als Matrose nach Surinam fuhr. Darin heißt es:

"Auch Reisen ist etwas, was man lernen muß, es ist eine fortwährende Interaktion mit anderen, bei der man gleichzeitig allein ist.

Darin liegt auch das Paradox: Man reist allein in einer Welt, die von anderen gemanagt wird. Sie sind diejenigen, denen die Pension gehört, in der du ein Zimmer möchtest, die entscheiden, ob für dich noch Platz in dem Flugzeug ist, das nur einmal in der Woche geht, sie sind diejenigen, die ärmer sind und an dir etwas verdienen können, sie sind diejenigen, die mächtiger sind, weil sie dir einen Stempel oder ein Papier verweigern können, sie sprechen Sprachen, die du nicht verstehst, sie stehen neben dir auf einer Fähre und sitzen neben dir im Bus, sie verkaufen dir etwas zu essen auf dem Markt und schicken dich in die richtige oder die falsche Richtung, manchmal sind sie gefährlich, meist jedoch nicht, und das alles mußt du lernen: was du tun mußt, was du nicht tun darfst und was du unter keinen Umständen tun darfst du mußt le rnen, mit ihrer Betrunkenheit umzugehen und mit deiner eigenen, du mußt in der Lage sein, eine Geste und einen Augenaufschlag zu erkennen, denn so allein du auch reist, du wirst immer von anderen umgeben sein von ihren Blicken, ihrer Annäherung, ih rer Verachtung, ihrer Erwartung, und überall ist es anders, und nirgendwo so, wie du es gewöhnt warst in dem Land, aus dem du kommst. Dieses langsame Erlernen dessen, was ich später einmal in Birma und Mali, in Persien und in Peru brauchen sollte, hat da begonnen, und auch das wußte ich damals noch nicht. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mich in der Flut der Eindrücke zu behaupten, ich hatte keine Zeit, um über mich nachzudenken, ich reiste und schrieb wie einer, der noch nicht reisen und schreiben konnte. Nur schauen konnte ich bereits, und ich versuchte, das Gesehene mit Worten zu umkreisen, ich hatte keine Theorien über die Welt, an denen ich die verwirrende Wirklichkeit, die ich um mich herum sah, überprüfen konnte, und all das, was ich noch nicht konnte, tritt in diesen Geschichten deutlich zutage."

Vielleicht ist es so, daß der wahre Reisende sich stets im Auge des Sturms befindet. Der Sturm ist die Welt, das Auge ist das, womit er die Welt betrachtet. Aus der Meteorologie wissen wir, daß es in diesem Auge ruhig ist, vielleicht so ruhig wie in einer Mönchszelle. Wer lernt, mit diesem Auge zu schauen, lernt vielleicht auch, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, und sei es nur, weil er sieht, worin sich Dinge und Menschen unterscheiden und worin sie sich gleichen. Baudelaire hat geschrieben, daß Reisende fortgehen, um fortzugehen, und er hat auch über die falschen Vorstellungen geschrieben, die sie sich bei diesem Fortgehen machen, sowie über das "bittere Wissen", das ihnen von ihren Reisen bleibt, über "die kleine, eintönige Welt, die uns gestern, heute, morgen ein Bild unserer selbst vor Augen hält: eine Oase des Schreckens in einer Wüste der Langeweile". Doch wenn man es so sehen will, dann ist vielleicht gerade jener, der daheim bleibt in der vertrauten Anekdotik des täglichen Lebens, derjenige, der flüchtet, weil er dieses bittere Wissen nicht ertragen kann. Mir kommt es nicht darauf an, wer hier der Held ist, sondern wer das tut, was seine Seele ihm aufträgt - egal, um welchen Preis.

Irgendwann einmal, als ich noch nicht wissen konnte, was ich jetzt weiß, habe ich mich für die Bewegung entschieden, und später, als ich mehr wußte, habe ich begriffen, daß ich in dieser Bewegung die Ruhe finden konnte, die man fürs Schreiben braucht, daß Bewegung und Ruhe einander in einer Einheit der Gegensätze im Gleichgewicht halten, daß die Welt mit all ihrem Drama und ihrer närrischen Schönheit und ihrem atemberaubenden Wirbel von Ländern, Menschen und Geschichte selbst eine Reisende ist in einem ständig reisenden Universum, eine Reisende auf dem Weg zu neuen Reisen oder, wie Ibn Al Arabi sagt: "Sobald du ein Haus siehst, sagst du, hier will ich bleiben, aber kaum bist du dort angekommen, hast du es schon wieder v erlassen, um dich auf den Weg zu machen." Über den Weg als Schicksal, Berufung oder Verlockung habe ich mal ein Gedicht geschrieben, das versucht, diese ewige zyklische Bewegung wiederzugeben.

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Es heißt daher auch

Weg

Ich bin der Weg.

Ich ziele wie ein Pfeil

auf die Ferne,

aber in der Ferne

bin ich

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weg.

Wenn du mir folgst,

hierher, dorthin, hierher,

findest du hin,

wie auch immer.

Weg ist weg.

Die Rede wurde aus dem Niederländischen übersetzt von Helga van Beuningen, das zitierte Gedicht von Ard Posthuma