ARD, Sonntag, 20. Oktober:

"Ärzte ohne Gewissen"

In Berlin gibt es immer noch eine Reichssportfeldstraße. Die Umbenennung wäre, so heißt es, zu aufwendig. Unter demselben Vorwand hält man überall in der Republik an Straßennamen fest, die Nazis und Antisemiten ehren. Während Plätze und Gäßchen, die nach Widerstandskämpfern benannt waren, in den neuen Bundesländern umgehend neue Schilder bekamen. Eine Gesellschaft, die sich fallweise noch so verstockt zeigt, wenn es darum geht, symbolisch von einer belastenden Vergangenheit abzurücken, muß mit dem konfrontiert werden, was "damals" passiert ist. Auch im Fernsehen.

Ernst Klee hat sich des Themas Menschenversuche und Euthanasie im "Dritten Reich" schon früher angenommen: Sein neuer Film ist in seiner Klarheit, Lakonie und Härte ein radikales Werk. Es dokumentiert nur: ohne Anklage, ohne Aufregung, ganz kalt. So kalt wie die Fliesen in den noch erhaltenen Labors und Versuchsstationen, die man minutenlang anschauen mußte - einschließlich der in den Boden eingelassenen Abflüsse und der Blutspuren, die man dazuhalluzinierte.

Die deutsche Forschungsgemeinschaft segnete unter Hitler die abstrusesten Menschenversuche ab - und finanzierte sie: Impfstofftests, Untersuchungen der Folgen von Fehlernährung, Unterkühlung und dünner Luft, Kampfgastests, Fleckfieberinfektionen - all das brauchten die wackeren Doctores in Berlin, Mauthausen, Straßburg und anderswo nicht mehr an Ratten und Affen auszuprobieren - sie bekamen echtes Menschenmaterial dafür: Kranke, Widerstandskämpfer, Juden.

In Auschwitz tobte eine wahre "Orgie verbrauchender Forschung", kaum ein Proband überlebte. Und kein einziger dieser gewissenhaft ihre Resultate notierenden Mediziner hat später eingeräumt, gegen das ärztliche Ethos verstoßen zu haben. Die meisten konnten ihre Karrieren im Nachkriegsdeutschland ungehindert fortsetzen. Viele wurden ausgezeichnet: mit Posten in der Pharmaindustrie etwa oder mit der Ehrenbürgerwürde einer Stadt - was mindestens so ruhmreich ist wie ein Straßenname.

Auf großen Kongressen hat man die Menschenversuche publik gemacht und diskutiert: Keine all der Koryphäen protestierte. Heute, wo dank Daniel J. Goldhagen die Schuld an der Barbarei wieder beim kleinen Mann zu landen droht, kommt so ein Film gerade recht.