Der alte Mann führt ein paar typische Handbewegungen vor: So fuchtelte Furtwängler, nicht wahr. So dirigierte Erich Kleiber, Otto Klemperer, Bruno Walter. Er kokettiert und übertreibt. Kleiner Spaß. Andererseits, er will auch ernst genommen sein. Dieser rüstige 92jährige ist einer von denen, die sich gern hundertprozentig genau erinnern: ein Dabeigewesener, letzter Zeuge. Die jungen Filmemacher Roland Zag und Cornelia Dvorak tun ihm den Gefallen und photographieren ihn für diese Szene ihres Fernsehfeatures "Man muß nur überleben" in scharfem Gegenlicht: Ein Schatten dirigiert. Ein Scherenschnitt im Strahlenkranz.

Berthold Goldschmidt hat sie alle, alle überlebt. Kleiber, dessen Assistent er einst war als junger Mann in der Berliner Staatsoper Unter den Linden. Aber auch Klemperer, der ihn später spöttisch "Eberts rechtes Ohr" nannte, und Walter, der nach ihm ins Exil ging, und Furtwängler und Böhm, die in Nazideutschland blieben.

Goldschmidt flüchtete 1935 nach London, wo er sich mit Stundengeben durchschlug und zunehmend auf das Dirigieren verlegte. Das Komponieren gab er, da niemand seine Stücke hören wollte, 1958 resigniert auf. Ein Jahr zuvor, als es um die Wieder"gut"machung geht, beschreibt sein ehemaliger Chef, der Opernintendant Carl Ebert, "den Fall des Berthold Goldschmidt als einen der tragischsten unseres Berufes": Hier sei eine "außerordentliche Karriere" durch erzwungene Emigration zerstört worden "dasselbe kann auch von seiner kompositorischen Begabung gesagt werden, die ihre ersten großen Erfolge vor 1933 in Deutschland hatte".

Zweiundzwanzigjährig, anno 1925, hatte Goldschmidt den Mendelssohn-Staatspreis für seine "Passacaglia" op. 4 gewonnen. Dieses kurze, akademische Orchesterwerk war sein Gesellenstück, Abschluß der Kompositionsstudien bei Franz Schreker - und bis vor zwei Jahren noch galt es als verschollen. Kein großer Verlust: Selbst der Komponist, der bald darauf mit einer starken, eigenwilligen Oper ("Der gewaltige Hahnrei", 1932) debütierte, hielt die "Passacaglia" für eher unbedeutend (eines der "Werke, die ich weniger hoch schätzte"). Heute aber ist kaum das Autograph wiedergefunden, schon gibt es davon bei Decca in der Reihe "Entartete Musik" eine respektable Aufnahme mit Simon Rattle und seinem City of Birmingham Orchestra. Der Grund? Der tragische Fall Goldschmidt hat unterdes eine späte, glückliche Wende erfahren.

Vor zehn Jahren wurde der im Londoner Exil Vergessene, Verstummte wiederentdeckt. Er avancierte rasch zu einem Komponisten ganz nach der Mode, dabei kam ihm der postmoderne Trend zu kulinarischer, "nichtavantgardistischer Gegenwartsmusik" zugute. Goldschmidts eigentümlicher Kompositionsmischstil ist gewissermaßen stehengeblieben an ebenjener Weggabelung, die die Auflösung der Tonalität zu Beginn des Jahrhunderts markierte. Seine Werke sind durchweg klangprächtig, von klassischem Maß, angenehm zu hören und gut zu spielen. Vor allem aber wurde Goldschmidt für jene Nachkriegsgeneration der Musikforscher, die sich erstmals aktiv um Rehabilitierung der Exilmusiker bemühten, zu einer Galionsfigur.

Hier war einer, der letzte, den man noch persönlich befragen konnte.

Der sich die Hände schütteln, sich feiern ließ. 1987 richten die Berliner Festwochen die deutsche Erstaufführung von Goldschmidts "Ciaccona Sinfonica" (1936) aus, ein Jahr später folgt die Erstaufführung von "Letzte Kapitel" op. 15 (1930) in Duisburg, 1992 endlich kommt sein Hauptwerk, die Oper "Der gewaltige Hahnrei", wieder zur Aufführung, 1993 erhält der Komponist das Bundesverdienstkreuz. Er wird geehrt als Stellvertreter einer Generation.