Seit der Geburt von Louise Brown am 25. Juli 1978 im nordenglischen Oldham wurden weltweit mehr als 100 000 Menschen im Reagenzglas gezeugt, und ihre Zahl wächst schneller denn je. Bis vor kurzem konnten die Fortpflanzungsexperten mit der mittlerweile als klassisch bezeichneten In-vitro-Fertilisation (IVF) oft nur bei Unfruchtbarkeit der Frau helfen. Dank neuer Methoden kommen heute selbst Männer zu Vaterfreuden, die bis vor kurzem als steril galten: beispielsweise manche Querschnittgelähmte, Patienten mit angeborenem Hodenhochstand oder Männer, die durch eine Mumpserkrankung im Erwachsenenalter die Fortpflanzungsfähigkeit einbüßten. Bei der bahnbrechenden intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI), die hierzulande gesetzlich noch nicht geregelt ist, spritzen Ärzte und Biologen mit hauchfeinen Glasrohren jeweils den Kopf einer Spermazelle direkt in eine reife Eizelle. Selbst nach der Injektion träger und verwachsener Spermazellen kann ein Mensch entstehen.

Während bei der IVF die rund 100 000 aufbereiteten Spermien noch unter sich ausmachen, wer als erstes in die Eizelle dringt, wird diese letzte Barriere der Biologie bei der ICSI übersprungen.

Die Spermieninjektion führt in 25 Prozent der Fälle zu Schwangerschaften, von denen jedoch wiederum ein Viertel in Fehlgeburten endet. Im vergangenen Jahr wurde die Sameninjektion in Deutschland 13 000mal eingesetzt. Die Technik wird, wie auch die IVF, von Krankenkassen bezuschußt und kam schnell in das Therapieprogramm vieler Zentren.

Bis zu 15 000 Mark zahlen Privatpatienten für eine IVF mit ICSI.

Wenn sich im Ejakulat keine oder nur unbrauchbare Samenfäden für die Spermieninjektion finden, holen die Operateure den männlichen Beitrag zur Fortpflanzung direkt aus dem Hodengewebe. Bei Männern mit gestörter Samenreifung entnehmen Ärzte in einem dreißigminütigen Eingriff Hodengewebe und suchen dann in den Proben nach vereinzelten Samenfäden. Diese testikuläre Spermienextraktion hat der Androloge Wolfgang Schulze am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) entscheidend vorangebracht. Zum einen trennt er Hodengewebe und etwaige Spermazellen in einem besonders schonenden Verfahren, zum anderen ist es ihm gelungen, die Proben einzufrieren. "Die Nachfrage aus ganz Deutschland ist gewaltig", sagt Schulze. Dank seiner Methode haben In-vitro-Ärzte jetzt einen tiefgekühlten Vorrat für die Spermieninjektion. Die Aussicht auf Kinder wächst.

Bei 1,4 Prozent aller in Deutschland geborenen Babys werden mittlerweile die Eltern zuvor wegen unzureichender Fruchtbarkeit behandelt.

Die Zahl der In-vitro-Fertilisationsbehandlungen stieg seit der Geburt des ersten deutschen Retortenbabys in Erlangen 1982 von rund 740 auf 18 700 im vergangenen Jahr.