Ist Gerhard Schröder der Bösewicht der deutschen Sozialdemokraten, der prinzipienlose Macher, ein machtgeiler "Heide-Strauß" (Jürgen Trittin) unter lauter Idealisten? Das Buch der Journalisten Bela Anda und Rolf Kleine zeichnet ein anderes Bild vom "Favoriten für die SPD-Kanzlerkandidatur im Jahre 1998" (Vorwort). Auch wenn die Autoren natürlich nicht die endgültige Schröder-Biographie vorlegen, sondern eine anregende Zwischenbilanz, die eine gewisse unkritische Nähe zu Schröder erkennen läßt, sind ihre Thesen zum Thema Schröder und seinem Verhältnis zur Macht lesenswert.

Ohne Zweifel: Gerhard Schröder ist ein Machtmensch. Auch die beiden Journalisten bestreiten das nicht. Warum auch? War es nicht 1983, 1986, 1990 und erst recht 1994 das Manko der SPD, daß sie eine wirkliche Macht- und Regierungsperspektive kaum vermittelte? Die Autoren erklären den Willen zur Macht mit Schröders Herkunft aus kleinen Verhältnissen und dem steinigen Weg, den er in seiner Kindheit und Jugend zurücklegen mußte. "Wer die Macht hat, bestimmt die Musik, wer sie nicht hat, hat's schwer". Getreu dieser Devise kämpfte er sich nach oben. Eine sozialdemokratische Bilderbuchkarriere: Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Jurastudium, Rechtsanwalt, Juso-Vorsitzender, Bundestagsabgeordneter.

Der Aufstieg Schröders erfolgte allerdings keineswegs ohne Brüche.

Immer wieder gab es Rückschläge, Niederlagen, Sackgassen und selbstverschuldetes Fehlverhalten. Die jahrelange Oppositionsarbeit gegen den übermächtig erscheinenden Ministerpräsidenten Albrecht zermürbte. Vorher hatte ihn auch die Arbeit im Bundestag frustriert: Er mußte lernen, daß man in Bonn erst mal nichts zu melden hat als Neuling. Aber leicht hat er es offenbar den Genossen auch nicht immer gemacht. Seine Beziehung zu den Gremien der Partei und der Bundestagsfraktion sei deswegen seit Jahren gestört, so wird Hans-Ulrich Klose zitiert, weil er ihnen ständig klarmache, wie sehr er ihre kleinliche Vereinsmeierei verachte. Und schließlich der verlorene Kampf 1993 um den Parteivorsitz, die Niederlage in der Urwahl gegen Scharping, die Schröder tief enttäuschte, zumal er sich eingestehen mußte, daß er versäumt hatte, im Vorfeld der Kür eine Stichwahl für den Fall zu fordern, daß keiner der drei Kandidaten auf Anhieb die absolute Mehrheit erreichte.

Die Unruhe und Ungeduld des Machtmenschen, der sich überall gebremst sieht, seine Kraft nicht voll einsetzen darf und doch so gerne beweisen möchte, was er kann - diesen Gerhard Schröder vermittelt das Journalisten-Duo. Aber es beleuchtet auch eine andere Seite: Die soziale Empfindsamkeit, die Willy Brandt wie kein anderer deutscher Staatsmann glaubwürdig vorlebte - von diesem Engagement für die kleinen Leute, der Fähigkeit, ihnen zuzuhören und ihre Sorgen zu verstehen, hat auch Schröder etwas.

Aber hat er nicht längst die Seite gewechselt, ist er nicht zum "Automann" geworden? - wird in der SPD gefragt. Ist Schröder heute der "Genosse für Bosse", der Erfüllungsgehilfe der Regierung Kohl beim Sozialabbau? Anda und Kleine untersuchen diese Fragen kaum. Vielleicht ist Schröder die Nähe zu führenden Vertretern der Wirtschaft tatsächlich eine persönliche Befriedigung, vor dem Hintergrund seines Lebensweges ein Wert an sich. Wahrscheinlicher allerdings ist eine andere Deutung: Muß nicht gerade derjenige, der auf der Seite der kleinen Leute ist, heute an erster Stelle die Konkurrenzfähigkeit des Standortes Deutschland wiederherstellen?

Braucht man nicht die Nähe zur Wirtschaft, um zu verstehen, wie internationale Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen werden kann?