In Mecklenburg-Vorpommern hatten die Ärzte ihr Arzneimittelbudget schon Anfang Oktober ausgeschöpft. Ende des Monats sind die Mediziner in Südwürttemberg, Brandenburg, Niedersachsen und Thüringen am Limit. Nur die rheinland-pfälzischen Heilkundler kommen wohl mit dem Budget, das die Gesetzliche Krankenversicherung ihnen für 1996 zugebilligt hat, über die Runden. Allen Ärzten, die ihr Konto überzogen haben, droht nun ein ruinöser Regreß.

Das war so gewollt. Das erstmals 1993 eingeführte Budget für Arznei- und Heilmittel sollte den zweistelligen Zuwachs bremsen, den die Arzneimittelausgaben Anfang der neunziger Jahre aufwiesen. Seither müssen sich Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen jedes Jahr neu auf eine Obergrenze für das Arzneibudget verständigen.

Wird das Limit überschritten, müssen die Ärzte das - von wenigen Ausnahmen abgesehen - in voller Höhe an die Krankenkassen zurückzahlen.

Im ersten Budgetjahr 1993 wirkte das neue Instrument zur Kostendämpfung verblüffend. Die Mediziner verschrieben so rational und vorsichtig, daß die Obergrenze bundesweit um fast zwei Milliarden Mark unterschritten wurde. Der Arzneiverordnungsreport, den das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen (WIdO) und das Pharmakologische Institut der Uni Heidelberg jährlich erstellen, lobte damals: Die Ärzte hätten weniger umstrittene Arznei verschrieben und seien häufiger von teurer Medizin auf preiswertere Generika umgestiegen.

Das Arzneiwunder war indes von kurzer Dauer. Obwohl auch 1994 das Budget noch unterschritten wurde, deutete sich bereits eine Rückkehr zum alten Schlendrian an. Im vergangenen Jahr hatten die Mediziner dann vollends ihre Lektion vergessen. Statt weiter auf preiswertere Generika, also Nachahmerpräparate, zu setzen, wurden wieder vermehrt teure und auch umstrittene Mittel verordnet auf letztere entfielen rund sieben Milliarden Mark. Die Lage 1995: In neun von insgesamt 23 Kassenärztlichen Vereinigungen der Bundesrepublik hatten die Ärzte ihre Budgets um insgesamt 870 Millionen Mark überzogen. Mit 11,4 Prozent über dem Limit und einem drohenden Regreß von 36 000 Mark je Arzt war Mecklenburg-Vorpommern Spitzenreiter - für 1996 wird gar mit 90 000 Mark Strafzahlungen je Mediziner gerechnet. Insgesamt dürften die Ärzte bundesweit für knapp fünf Milliarden Mark zuviel Medikamente verschrieben haben. Schuld daran hat in erster Linie Gesundheitsminister Horst Seehofer.

Er kassierte nämlich die von ihm selbst kreierte Positivliste für Arzneimittel, mit deren Hilfe der Markt um die Mittel bereinigt werden sollte, deren therapeutischer Nutzen entweder nicht nachgewiesen oder zumindest zweifelhaft ist. Darüber hinaus nahm Seehofer neue, patentgeschützte Arzneimittel aus der sogenannten Festpreisregelung heraus, so daß die Preise dieser Mittel nicht verhandelbar sind.

Überdies entließ der Minister die Apotheker aus der Pflicht, preiswertere Arznei aus Reimporten verkaufen zu müssen. Ein Milliardengeschenk für die Pharmaindustrie und das falsche Signal für die Mediziner.