Mikromanipulatie" steht auf der grünen Labortür im Zentrum für Reproduktionsmedizin des flämischen Universitätskrankenhauses Brüssel. Zutritt ist nur mit sterilem Kittel, Mundschutz, Haube und Überschuhen gestattet. Keime könnten die "Kulturschalen" verderben, in denen Spermien treiben, reife Eizellen und Embryonen - das biologische Handwerkszeug der Brüsseler Babymacher.

Unter dem Mikroskop liegen neun Embryonen, jeder nur sechs bis acht Zellen groß. So winzig, daß Peter Nagy unter 400facher Vergrößerung arbeiten muß. Mit einem kleinen Hebel steuert der Arzt ein haarfeines Glasrohr in die erste Zellenkugel, die sich nun daran anklebt.

Dann spritzt er mit einer hauchdünnen Pipette Säure in die Zona pellucida, jene gallertartige Hülle, die das Zellgebilde schützend umspannt. Schließlich saugt er mit einer anderen Pipette eine der Zellen heraus. Trotz des Verlustes wird sich der Embryo normal weiterentwickeln.

Die neun Embryonen sind nach der künstlichen Befruchtung im Reagenzglas herangereift. Sie stammen von einer Frau, die an einer myotonischen Dystrophie leidet, einer vererbbaren Muskelerkrankung, die sich von Generation zu Generation verschlimmert. Die Frau wünscht sich ein Kind und will, daß diesem ihr eigenes Leid erspart bleibt.

Deshalb sollen ihre Embryonen auf den Gendefekt hin untersucht werden, bevor sie, in ihren Uterus gepflanzt, heranreifen. Die Methode nennt man Präimplantationsdiagnostik, kurz: PID.

Nach zwei Stunden hat der Arzt fünfzehn Zellen abgesaugt. Nun muß alles ganz schnell gehen. Die gesunden unter den neun Embryonen, die jetzt im Brutschrank warten, müssen noch heute abend in die Gebärmutter der erbkranken Frau gesetzt sein. Länger sind sie nicht haltbar. Die Laborärztin Karen Sermon muß den verdächtigen Genabschnitt - er liegt auf Chromosom 19 - millionenfach im Reagenzglas vervielfältigen, ehe er im Gentest erkennbar ist. Am Nachmittag sind die Ergebnisse da: Vier Embryonen sind gesund, fünf krank.

Die Ärzte suchen unter den gesunden Embryonen die drei vitalsten heraus und spülen sie abends durch einen biegsamen Katheter in den Uterus der Frau. Die übrigen wirft die Laborärztin später in den Mülleimer - deutschen Ärzten würde das eine hohe Geldstrafe einbringen oder drei Jahre Gefängnis.