KONSTANZ. - Es ist, statistisch gesehen, großes Pech für die Sparkasse Konstanz gewesen, daß sie Dieter Jurkschat, der einen falschen Doktortitel führte und sich außerdem mit einem Diplom schmückte, das er nie erworben hatte, zu ihrem Vorstandsvorsitzenden machte.

Promovierte Sparkassenchefs kann man in Deutschland nämlich an einer Hand abzählen. Nirgendwo im Bankengewerbe sind akademische Würden so unwichtig wie bei den Sparkassen.

Acht Jahre nachdem er Vorstandsvorsitzender der Bank geworden war, hat Jurkschat nun seinen Posten geräumt und die erhobenen Vorwürfe bestätigt: Den Doktortitel habe er für 40 000 Mark in Teufen im Schweizer Kanton Appenzell gekauft. Die in seinen Bewerbungsunterlagen genannte Dissertation über "Factoring im Exportkreditgeschäft" gebe es gar nicht. Und anders als in seinem Lebenslauf geschrieben, habe er nie ein Diplom als Volkswirt an der Universität Tübingen erworben, ja, er sei nie Student der Universität gewesen.

Warum die Lügen? Er habe immer den Erwartungen seines Onkels, des verstorbenen Daimler-Benz-Vorstands Werner Niefer, gerecht werden wollen. Der Druck sei enorm gewesen. Onkel Niefer allerdings hatte als Lehrling bei Daimler angefangen und sich Schritt für Schritt in den Vorstand hochgearbeitet, so wie das auch heute noch bei Sparkassen gang und gäbe ist. "Ein Doktortitel ist für eine Sparkassenkarriere überhaupt nicht üblich", sagt Fritz Richter vom Verband der badischen Sparkassen. "Normalerweise werden die Sparkassenchefs aus den eigenen Reihen rekrutiert. Lehre, dann ins interne Ausbildungswesen, vor allem Leute aus der Praxis haben bei uns Chancen, bodenständige Leute, die die Kunden kennen."

Vor acht Jahren, als die Sparkasse Konstanz Dieter Jurkschat zum Chef machte, lag die Akademikerquote der Sparkassen bei einem Prozent. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank hat einen Akademikeranteil von mehr als zehn Prozent. So sieht Horst Frank, seit seiner Jugend Kunde und seit kurzem als Oberbürgermeister der Stadt Leiter des Verwaltungsrats der Sparkasse Konstanz, im Fall Jurkschat auch ein "Kennzeichen unserer Zeit". Und ein Beispiel dafür, daß sich die Sparkassen nicht vom Trend der Zeit absetzen konnten. Frank: "Immer mehr Akademiker drängen rein, Titel werden immer wichtiger."

Ob das bei Sparkassen sinnvoll sei, bezweifle er, "und einen Doktortitel halte ich für völlig unwichtig bei einem Sparkassenchef".

Jurkschat hatte sich mit seinem falschen Titel gegen vierzig Bewerber durchgesetzt. Oberbürgermeister Frank sagt, nachdem er die Unterlagen seines Vorgängers studiert hat, "man kann natürlich nicht ausschließen, daß die Promotion ein Vorteil gegenüber den Mitbewerbern war".