Anna Jantscharek hat etwas Verrücktes gemacht: Die Generaldirektorin des Schukowskij Kühlkombinats im Gebiet Moskau hat insgesamt sechs Millionen Dollar investiert - in eine neue Eisfabrik. Und die resolute Direktorin hatte sogar Glück. Gegen dreißig Prozent der Unternehmensanteile hat die Berliner Zellstoff und Papier Handelsgesellschaft einen Teil der Investitionen übernommen.

Doch bisher läßt der Erfolg der mutigen Tat auf sich warten: Das Kombinat ist heillos verschuldet: Ein deutscher Lieferant wartet auf eine halbe Million Mark für Eisverpackungen, und die Strom- und Gasrechnungen wurden seit Monaten nicht bezahlt. Gleichzeitig stapeln sich 150 Tonnen Speiseeis im Kühlhaus: "Eigentlich sind wir pleite", sagt die Direktorin.

Doch nicht nur die Tatsache, daß fünf Jahre nach Beginn der Wirtschaftsreformen immer weniger Russen Geld für Schokoladeneis übrig haben, macht Jantscharek das Leben schwer. Vielmehr hat die örtliche Steuerinspektion das Unternehmen so gut wie lahmgelegt. Jeden Monat muß das Kombinat einen Teil der Gewinn- und Mehrwertsteuer vorstrecken, auch wenn es gar nichts verkauft hat. Da Jantscharek aber die Augustrate noch nicht vollständig beglichen hat, obwohl bereits die Zahlung für Oktober fällig ist, haben die Steuerbeamten das Unternehmenskonto "in die Kartei" aufgenommen. Und das heißt: Jeder Rubel, der bei der Bank eingeht, wird direkt beschlagnahmt. Zur Strafe für die verspätete Zahlung muß das Kühlkombinat zudem noch 0,3 Prozent Zinsen pro Tag zahlen: "Wir können kaum noch atmen", sagt Jantscharek.

Ihr bleibe nur noch das Geld für die Arbeiter, die bezahle sie aus den Verkäufen gegen Bargeld.

Wenn der russische Staat so rigoros Steuern eintreibt, müßte es ihm eigentlich gutgehen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Seit 1992 fallen die realen Steuereinnahmen auf allen Ebenen. Nahm das Finanzministerium im ersten Reformjahr noch 14,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ein, waren es in den ersten acht Monaten dieses Jahres nur noch 8,4 Prozent. Da gleichzeitig aber auch das offizielle Bruttoinlandsprodukt um fast 40 Prozent gefallen ist, sind die realen Steuereinnahmen heute auf etwas mehr als ein Drittel des Wertes von 1992 gesunken.

Die Folgen spürt man überall im Land: Der Geophysiker Wladimir Strachow trat in einen mehrtägigen Hungerstreik, um die Finanzierung seines Instituts zu erzwingen, und auch die Bauarbeiter in der Moskauer Metro bekamen ihren Lohn erst, als sie über mehrere Wochen die Nahrungsaufnahme verweigerten. Rußlands Rentner warten auf zusammen über vier Milliarden Mark, weil die Unternehmen nicht pünktlich in die Pensionsfonds zahlen.

Obwohl die Budgetkrise bereits seit langem schwelt, hat Boris Jelzin erst vor zwei Wochen die Initiative ergriffen: Er kündigte an, daß von sofort an Regierung, Geheimdienst und Staatsanwaltschaft die Jagd auf Steuerhinterzieher koordinieren werden.