Nicht Tod noch Teufel scheut der Gärtner, wenn es ihm darum geht, für seine Leser authentische Informationen einzusammeln:

Die Früchte des Ginkgo-Baumes, die wie kleine gelbe Pflaumen aussehen und in diesen Wochen reif von den Bäumen fallen, enthalten sowohl Buttersäure als auch Valeriansäure. Das klingt harmlos, bedeutet aber, daß sich darin der Geruch von altem Schweiß mit dem von lange nicht gewaschenen Füßen zu einem infernalischen Gestank vereint. Wer um diese Zeit in Mönchengladbach die Bruckner-Allee passiert, die von vielen schönen Ginkgos gesäumt ist, beschleunigt unwillkürlich seine Schritte, um dem widerlichen Dunst zu entkommen.

Aber, so berichten die Botanikbücher übereinstimmend, der in dieser unappetitlichen Frucht verborgene Samenkern sei in geröstetem Zustand überaus schmackhaft und gelte in Ostasien (der Heimat des Ginkgo) als Delikatesse. Schmeckt er wirklich? Und wenn ja, wie?

Tod und Teufel: Im vorigen Jahr besorgte sich der Gärtner einige der matschigen Früchte, befreite sie unter fließendem Wasser von ihrem gräßlich stinkenden Fleisch, bis nur noch seine Hände stanken, die Kerne aber nicht mehr, und gab diese in eine heiße Pfanne, deren Boden dick mit Salz bedeckt war.

Nach zehn Minuten sprangen die Schalen mit einem leisen Knall auf, und nach weiteren fünf Minuten ergab die Probe, daß die vormals grünlichen Samen braun geworden und zu einer Art von gerösteten Kastanien herangereift waren, nicht schlechter schmeckend als diese, aber auch nicht besser, etwas mehlig und von lascher Süße.

Eine Delikatesse würde ich es nicht nennen, eher ein pikantes Naschwerk.

Wer es selbst ausprobieren will, kann einen Ginkgo pflanzen, doch müßte er viele Jahre auf die Früchte warten und müßte auch zu einem weiblichen, fruchttragenden, einen männlichen in der Nähe haben, denn der Ginkgo ist "zweihäusig". Einfacher wäre es, zur Bruckner-Allee nach Mönchengladbach zu fahren und die Früchte aufzusammeln - die Anwohner sind dankbar für jede, die weggeholt wird. Und wenn auf der Bruckner-Allee keine mehr zu finden sind, kann man in den Botanischen Garten gehen, wo sie ebenfalls massenhaft herumliegen - und wo übrigens Horst Busse, der Leiter des Gartens, viele Spielarten des Ginkgo mit den unterschiedlichsten Blattformen zusammengetragen hat. Das sind überraschende Varianten der Gestalt, die man bei einem erdgeschichtlich so uralten Baum gar nicht erwarten würde. Daß die zweilappige Blattspreite sich fächerförmig spaltet und auflöst, die hergebrachten Konturen nur noch ahnen läßt, hat etwas Spielerisches, und dieses Wort, das natürlich eine ganz menschliche Denkkategorie bezeichnet, kommt mir immer in den Sinn, wenn ich sehe, wie eine Pflanzengattung oder -art in der Abwandlung der Grundformen gewissermaßen die Möglichkeiten durchprobiert, die darin noch verborgen liegen.