Nicht lange nach der Wende, gab es in der Ostberliner Akademie der Künste eine Veranstaltung mit Heiner Müller und John Berger.

Jener hatte diesen eingeladen. Das spezielle Thema der Veranstaltung ist mir nicht mehr erinnerlich, es war wohl auch nicht sehr speziell.

Zunächst las Heiner Müller einen langen Zeitungsartikel von John Berger vor, und Berger saß freundlich daneben. Er trug auffallend klobiges, bäuerliches Schuhwerk, eher für einen Marsch über schwere Lehmschollen gemacht denn über das Pflaster zwischen Friedrichstraße und Charité. Durch diese Schuhe wirkte Berger insgesamt recht wuchtig. Seine Wuchtigkeit betonte Müllers Zierlichkeit - und umgekehrt.

Als Müller mit dem Vorlesen fertig war, ergab sich zunächst kein rechtes, dann mit einem Mal ein sehr anspruchsvolles, großkalibriges Gesprächsthema: die Rolle der Poesie im Verlauf der Geschichte.

Müller fragte also Berger, worin diese Rolle bestehe. Berger antwortete mit einer Metapher. Die Poesie sei wie der unsichtbare Inhalt eines Koffers, der durch alle Zeiten und Epochen hindurch die Paßkontrollen der Geschichte passiere. Anscheinend hatte John Berger in diesem Moment das Gefühl, sich mit Worten nicht ausreichend ausdrücken zu können, oder es juckte ihn einfach in den Beinen.

Auf alle Fälle sprang er plötzlich von seinem Stuhl auf dem Podium auf und führte in einer kleinen Pantomime einen Kofferträger vor, der durch eine Paßkontrolle geht. Müller machte einen seiner brillant banalen Witze dazu.

Die Szene kehrt bei der Lektüre eines Satzes in Bergers neuem Roman ins Gedächtnis zurück. "Er ist einer jener Männer, der Handbewegungen mehr traut als Worten", lautet der Satz. Bei demMann handelt es sich um Jean, im Roman der Vater des Mädchens Ninon. Der Leser sieht den schweigsamen Jean fast bis zum Ende des Romans als Alleinreisenden.