KIEL. - Die meisten Touristen sind abgezogen, die Ostsee schwappt bedächtig gegen den Fördestrand, Schwaden von Fischbrötchen durchdringen eben noch die milde Herbstluft, bevor die Novemberkälte einsetzt.

An den Imbißbuden werden neben Fischbrötchen Muschelschatzkästchen und Reichskriegsflaggen feilgeboten: Das ist Laboe, Sommerfrische nahe der Landeshauptstadt und Standort eines im Wortsinne herausragenden Zeugnisses deutscher Marinegeschichte.

Fünfundachtzig Meter über den Meeresspiegel erhebt sich der Turm des Laboer Ehrenmals aus der Dünenlandschaft. 341 Stufen führen auf die oberste Plattform, auf der auch an stürmischen Tagen kaum ein Luftzug zu spüren ist 7000 Quadratmeter mißt der säulenumfriedete "Ehrenhof" des Monuments. Adolf Hitler, soviel ist sicher, mochte das 1927 entworfene Bauwerk nicht: Er nannte es "Architekturkitsch" und sah es nach der Einweihung im Jahr 1936 nie wieder. Doch 400 000 Menschen besuchen jährlich die "Gedenkstätte für die auf See Gebliebenen aller Nationen" bis heute über tausend Jugendgruppen führt ihr Tagesausflug zum "Mahnmal für eine friedliche Seefahrt auf freien Meeren".

Sie kommen, lösen ihre Eintrittskarten, keuchen einen kurzen Abhang hinauf, durchqueren die Eingangshalle, stehen Schlange vor den Aufzügen, lassen sich nach oben tragen, werfen einen Blick auf Himmel, Ostsee, Strand und Rapsfelder und entschwinden wieder, vom Hauch der Geschichte recht unberührt.

Gelegentlich beschwert sich ein Lehrer beim Kultusministerium, im Marineehrenmal werde reaktionäres Gedankengut gepflegt, die deutsche Geschichte verfälscht, der Seekrieg verherrlicht. Die Kultusbeamten erklärten sich, stets erleichtert, für nicht zuständig: Das Ehrenmal gehöre dem Deutschen Marinebund. Der allein kommt für dessen Erhalt auf und ist für die Ausgestaltung verantwortlich.

Ebendieser Marinebund möchte die Gedenkstätte nun nicht länger in dem Verdacht sehen, eine Kultstätte für Ewiggestrige zu sein.

Nach den Vorschlägen eines Sachverständigenbeirats wird die Anlage dementsprechend seit 1994 verändert am Volkstrauertag sollen die Neuerungen enthüllt werden. Dem Historiker Dieter Hartwig, der den Marinebund in der Mahnmalfrage berät, fällt dabei die Aufgabe zu, zwischen den kritischen Zeithistorikern und alten Kameraden zu vermitteln. "Natürlich gibt es Mitglieder, die am liebsten alles unangetastet sähen", sagt Hartwig, "aber wir sind dafür verantwortlich, daß alles, was hier steht, richtig ist und historischer Kritik standhält." Dieser Erkenntnis muß demnächst ein Diorama der Skagerrak-Schlacht weichen die gruftartige unterirdische "Weihehalle" wurde bereits in "Gedenkhalle" umbenannt, allerlei Geschmacklosigkeiten wie flackernde elektrische Kerzen entfernt und die neunzehn Flaggen der kaiserlichen, Reichs- und Bundesmarine gegen Flaggen verschiedenerseefahrender Nationen ausgetauscht.