Paris

Die meisten Franzosen können kaum glauben, daß es über Helmut Kohl noch einen weiteren Deutschen gibt. Denn daß allein der Kanzler das Sagen hat, haben sie längst bemerkt. Wenn also Bundespräsident Roman Herzog zum ersten deutschen Staatsbesuch seit zwölf Jahren in ihr Land kommt, dann wissen sie, daß es nicht um Machtpolitik, sondern um Symbolik geht.

Weil das auch Herzog klar ist, hat er vorige Woche eine Gruppe von Bürgerrechtlern aus der Ex-DDR mitgebracht, "das Beste, was Deutschland hervorgebracht hat", wie er erklärte. In der Grande Arche de la Défense sollten sie mit französischen Intellektuellen diskutieren. Das Thema: "Bastille 1789 - Berlin 1989: Welche Freiheiten brachte der Umbruch?" Ein spannender Ansatz, eine interessante Frage, zumal gerade die Pariser Eliten den Mauerfall mit höchst zwiespältigen Gefühlen - um nicht zu sagen mit Skepsis - verfolgten.

Gerne hätte der Bundespräsident einem ernsthaften Dialog über die historische Klammer zwischen den beiden Ereignissen beigewohnt.

Angeboten, ja aufgedrängt hätten sich Reflexionen über Strafe, Sühne und Vergebung, über Menschenrechte, über den Widerspruch von Moral und Pragmatismus in der Politik. Nahtlos könnten sich dann Ausblicke auf Bosnien, Algerien, aber auch auf die Demokratisierung in Osteuropa anschließen. Von der Enttäuschung der Befreiten und dem Kleinmut der Befreier wäre zu reden gewesen . . .

Hätte, könnte, wäre . . . Das Gespräch fand statt, aber eine Debatte kam nicht zustande. Gewiß, Bärbel Bohley warf ihren berühmten Satz als Auftakt in die Runde: "Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat." Friedrich Schorlemmer freute sich darüber, daß "ein großräumigeres Deutschland nicht zu einem großmäuligeren" geworden sei. Robert Badinter, jener Justizminister unter François Mitterrand, der die Todesstrafe abgeschafft hat, erging sich in einer Lobeshymne auf Herzog, sozusagen von Jurist zu Jurist, aber derart schwülstig, daß dem Belobigten sichtlich unbehaglich war.

Und der Philosoph Luc Ferry plauderte wie immer eloquent? Er relativierte und bestärkte, bedauerte und ermutigte - doch was und wen?