Die Auseinandersetzung um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wird von Schlagworten aus der Verteilungspolitik beherrscht. Sachliche Analysen der Wirkungen von Lohnfortzahlung fehlen weitgehend.

Dies hat zu teilweise sehr kostspieligen Fehleinschätzungen geführt.

Der Mangel an Analyse beginnt bei der Vorstellung, die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall sei teuer. Natürlich ist es teuer, jemanden, der nicht zur Arbeit kommt, weiterhin voll zu bezahlen. Aber wen treffen diese Kosten? Die Arbeitgeber unterstellen einfach, daß die Kosten von denen getragen werden, die die Löhne bezahlen, also den Unternehmen. Dies ist jedoch alles andere als selbstverständlich.

In der Volkswirtschaftslehre gilt es als eine Binsenwahrheit, daß Kosten nicht notwendigerweise von denen getragen werden, die sie zunächst bezahlen.

Wenn Daimler-Benz ein Anti-Block-System in seine Autos baut, so ist dies mit Kosten verbunden. Gleichwohl polemisieren die Vertreter von Daimler-Benz nicht in der Öffentlichkeit gegen die Kosten des Anti-Block-Systems. Sie rechnen damit, daß sie diese Kosten über höhere Preise an die Käufer weitergeben können. Die Kosten werden also letztlich nicht von der Firma getragen, sondern von deren Kunden. Auch im Falle der Mehrwertsteuer geht man davon aus, daß die Belastung durch diese Steuer letztlich nicht die Unternehmen trifft, die sie abführen, sondern die Haushalte, die wegen dieser Steuer höhere Preise bezahlen müssen.

Wie steht es nun in dieser Hinsicht mit der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall? Ist eine Weitergabe der Kosten der Lohnfortzahlung über die Löhne für die Unternehmen wirklich schwieriger als eine Weitergabe der Kosten des Anti-Block-Systems oder der Mehrwertsteuer über die Preise? Auf den ersten Blick mag es so scheinen, werden doch die Löhne - im Unterschied zu den Preisen - nicht frei vom Unternehmen gesetzt, sondern von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden in Tarifverhandlungen vereinbart. Aber auch die Tarifverhandlungen spielen sich nicht im luftleeren Raum ab. Dies ist offensichtlich, wenn man bedenkt, wie die Tarifabschlüsse jeweils mit der Konjunktur gehen - von relativ überzogenen Abschlüssen in den Spätphasen der Hochkonjunkturen 1974, 1980, 1992 zu relativ gemäßigten Abschlüssen im Gefolge der nachfolgenden Konjunktureinbrüche.

In den Tarifverhandlungen seit der Einführung der vollen Lohnfortzahlung im Krankheitsfall vor über 25 Jahre sind die Kosten der Lohnfortzahlung jeweils berücksichtigt worden - und sei es auch nur implizit, durch Berechnungen über Rentabilität und Überlebensfähigkeit der Unternehmen, die die Tarifparteien in die Verhandlungen einbrachten.