Am Ende blieben Victor Horta viele Enttäuschungen und über zehn Zentner Altpapier. Ein riesiger Packen aus Skizzen, Grundrissen und Entwürfen, die Hinterlassenschaft eines langen Architektenlebens.

Horta, der Sohn eines Schuhmachers, war aufgestiegen zu Brüssels begehrtestem Baumeister, hatte den Ruf des Jugendstil-Erfinders eingeheimst und war zum Professor berufen worden - doch genießen konnte er die unerhörten Erfolge nur gut ein Jahrzehnt. Schon bei der Einweihung seines Wohn- und Arbeitshauses (1901) habe er "den Gipfel des Glücks" erreicht, schrieb Horta in seiner Autobiographie, danach kam die "Kurve des Abstiegs", vierzig Jahre Nachgeschmack.

Und 1945, zwei Jahre vor seinem Tod, der große Abwasch: Das Konvolut seines Künstlerlebens verschleuderte er an einen Altpapierhändler.

Auch seine gebaute Hinterlassenschaft beginnt sich schon zu Lebzeiten aufzulösen. Bereits in den zwanziger Jahren gilt Art nouveau als Kunst von gestern, und so findet Horta von ihm entworfene Stühle, Lampen, Teppiche auf dem Trödel wieder. Als Brüssel dann nach dem Zweiten Weltkrieg ganze Stadtviertel umstülpt, weichen viele seiner hochkomplexen Architekturen den hochmodernen Beamten-Immobilien - selbst das vielgerühmte "Volkshaus" wird trotz weltweiter Proteste 1964 von einem Betonturm verdrängt. In den siebziger Jahren wächst das Interesse dann wieder, doch erst jetzt - nachdem die Preise für Horta-Möbel und -Häuser ins Unerschwingliche geschnellt sind und rasch noch vor seinem fünfzigsten Todestag im nächsten Jahr - widmet Brüssel dem Baukünstler die erste große Retrospektive.

Gezeigt wird Horta, der Perfektionist und Alleskünstler, der sich nicht damit zufriedengab, seinen Bauherren eine nackte Hülle abzuliefern durch Teppiche, Tapeten, Leuchten lebten seine Häuser, noch bevor jemand einzog. Der Reformer des Raums, der Meister der Lichtregie und der Materialien, bleibt in der Ausstellung allerdings nur Andeutung - anders als in Brüssels Horta-Museum, eingerichtet im selbstentworfenen Wohnhaus des Architekten.

Sanfte Helligkeit dringt durch eine Glaskuppel in das vieleckige, zentrale Treppenhaus, Spiegel, Glas- und Schiebetüren lenken milchiges Licht selbst in enge Winkel. Horta schiebt Zwischengeschosse ein, variiert Zimmerformen und löst die bis dahin übliche Ordnung der Fluchten und Korridore auf - die Räume rotieren um das Treppenhausauge.

Statt schwerer Samttapeten glänzen glasierte, weiße Ziegel von den Eßzimmerwänden, unvermittelt mischen sich Parkettdielen mit Mosaiksteinchen, Mahagoni-Holz mit ruppigen Metallträgern.