Leipzig

Ein Besuch bei der gemeinsamen Historikerkommission der Deutschen, Tschechen und Slowaken kann ein verstörendes Erlebnis sein. Er bietet einen Blick in eine Werkstatt der Verständigung und zugleich auf ein Schlachtfeld der Nationalismen. Zwei Sichtweisen, die einander eigentlich ausschließen.

Die Kommission wirkt zunächst wie eine altehrwürdige Gelehrtenversammlung.

Regelmäßig treffen sich die hervorragendsten Köpfe ihrer Disziplin zum Fachgespräch, je acht Wissenschaftler aus den beteiligten Nationen. Zu Semesterbeginn haben sie sich wieder vier Tage lang zurückgezogen, in einen kleinen Raum im Leipziger Universitätshochhaus.

Man hat einander zugehört, debattiert und nahm auch noch die abendlichen Drinks an der Hotelbar gemeinsam ein. Die Frucht dieser Tagung wird wohl wieder eine kleine Aufsatzsammlung sein es wäre die fünfte, seit die Außenminister Jiri Dienstbier und Hans-Dietrich Genscher die Kommission vor sechs Jahren beriefen.

Wo immer die deutsche Nachkriegsrepublik Versöhnung zu stiften suchte, hat sie Institutionen gepflanzt: Goethe-Institute, Jugendwerke und Schulbuchkommissionen. In dieser Tradition sieht sich auch die gemeinsame Historikerkommission - und ist doch etwas ganz anderes. Denn erstmals steht die Wissenschaft staatsoffiziell im Dienste der Verständigung. Sie soll das Verhältnis zwischen Deutschen, Tschechen und Slowaken verbessern helfen, indem sie die umstrittenen Teile der gemeinsamen Vergangenheit von Verzerrungen und Mythen befreit. Ein edles Vorhaben der Außenminister und doch problematisch.

Denn längst hat die Historikerzunft eine heftige Abneigung gegen jegliche Indienstnahme durch die Politik entwickelt. Zwanzig Jahre alt ist das Diktum des Historikers Thomas Nipperdey: "Geschichtswissenschaft steht nicht mehr in einer - zu sichernden, festzuhaltenden, zu verstärkenden - Tradition, ist nicht Aufgaben - nationalen, liberalen, sozialistischen, konfessionellen oder konservativen - verpflichtet."