Wenn die Tage kurz und die Blätter bunt werden, grollen die Franzosen gern. Der Herbst hat "heiß" zu sein, sonst ist er keiner. Dann legen Lehrer, Lotsen oder Lokführer ihre Arbeit nieder, ziehen ganze Berufsgruppen von den Ärzten bis zu den Zeughausarbeitern, für Sonderrechte protestierend, durch die Straßen. Waren sie nicht stets zu Reformen unfähig, indes zu Revolutionen allzeit bereit, diese gallischen Heißsporne?

Die französischen Proteste sind nicht allein wirtschaftlich, sondern politisch motiviert. Wie anders ließe sich erklären, daß zwei Drittel der Bürger Sympathien für die Demonstranten hegen - also auch jene Millionen von Franzosen, die gar keine Privilegien reklamieren oder Besitzstände zu verteidigen haben. Alle führen sie ein neues Schimpfwort im Munde: "Ökonomismus" - das Diktat der Wirtschaft über die Politik. Sie fürchten, Entscheidendes werde zerstört: der Gesellschaftsvertrag. Warum, so fragen sie, soll sich immer mehr Reichtum in den Händen von immer weniger Bürgern ansammeln?

Weshalb blühen Unternehmen, derweil die Arbeitslosigkeit steigt?

Aus welchem Grund werden dem kleinen Mann Entbehrungen zugemutet - bloß weil "die Märkte" dies verlangen?

Kein Zufall, daß es gerade in Frankreich zuerst und am heftigsten zur sozialen Eruption kommt. Denn in diesem Land akzeptieren die Menschen zwar in ihrem Alltag den Kapitalismus doch in ihrem tiefsten Inneren mißtrauen sie ihm. Liberalismus war hier noch nie populär. Nicht die Marktkräfte haben die Republik in die Moderne befördert, vielmehr agierte stets der Staat als Regisseur des Fortschritts. Jetzt aber soll er plötzlich das Feld für die Wirtschaft räumen. Damit verlangt die Globalisierung den Franzosen offenkundig weit mehr an Wandel ab als anderen Nationen. Verschärfend wirkt, daß Präsident und Premierminister auf beispiellose Weise unbeliebt sind. Jacques Chirac hat eine energische Politik zum Schutz der Schwachen versprochen jetzt räumt er kleinlaut ein, diese sei nicht zu verwirklichen. Statt dessen beschwört er den Optimismus, als sei die französische Malaise nur psychologischer Natur und mit etwas Elan leicht wegzuzaubern.

Doch das wahre Übel besteht darin, daß Frankreich manche Strukturbereinigung verschlafen hat: Zu mächtig ist die Bürokratie, zu träge sind die Staatsbetriebe, zu staatsgläubig viele Bürger. Jetzt muß das Land Abschied nehmen von alten Idealen. Nun sieht sich das Volk jäh entlassen aus einem strengen, aber doch sicheren Pensionat, mit dem Präsidenten als Internatsleiter. Die Zeit drängt, es ist spät geworden.

Doch Frankreich ist zugleich früh dran. Hier äußern sich Mißmut, ja Angst, die sich anderswo erst noch artikulieren müssen. Ein Beispiel war im Wahlkreis Gardanne bei Marseille zu beobachten: Am vorigen Wochenende besiegte dort bei einer Nachwahl für die Nationalversammlung ein Kommunist einen Parteigänger der Rechtsextremen.