Weimar

Der Eklat war gewollt. Das böse Wort hallte nach: "Wir werden uns nicht mit den Vertretern unserer Henker an einen Tisch setzen."

Damit war das Gespräch beendet, bevor es begonnen hatte. Die Enquetekommission des Deutschen Bundestages zur "Aufarbeitung des SED-Unrechts" hatte den kühnen oder naiven Versuch unternommen, die Opfer beider deutscher Diktaturen gemeinsam zum Gespräch zu laden. In der Gedenkstätte Buchenwald sollten die ehemaligen KZ-Häftlinge und auch die Insassen des späteren sowjetischen Speziallagers nun über "Gedenkstättenarbeit für Nachgeborene" reden. Aber nicht nur die Geschichte, nicht allein das Jahr 1945, stand zwischen ihnen, sondern auch die Gegenwart des Jahres 1996

Der Satz von den "Vertretern unserer Henker" kam gleich zweimal in der Erklärung des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora vor. Es vertritt die KZ-Opfer. Pierre Durand, der Präsident und Buchenwald-Häftling von 1944 bis 1945, hatte den Text im Kinosaal der Gedenkstätte vorlesen lassen. Das unversöhnliche Wort richtete sichnicht allein gegen die anderen im Saal, gegen die Stalinismus-Opfer und ihre Verbände. Es war auch eine Fanfare im Kampf um die Deutungshoheit am Ort.

Nach dem Krieg hatten die sowjetischen Behörden das Konzentrationslager zum "Speziallager 2" umbenannt und dort die kleinen Nazifunktionäre, Mitläufer, aber auch auch politische Gegner interniert. Für das Komitee war diese fatale Lagerkontinuität vor allem ein Ausdruck des Geschichtsrevisionismus. So sollte die Front von 1945 zementiert werden. Pierre Durand erhob sich, machte eine brüske Geste: Hauen wir ab! Die drei Vertreter der KZ-Insassen verließen den Saal.

Das Schweigen, das zurückblieb, war bedrückt, schockiert. Dann beklagte Ignatz Bubis das "Dokument der Intoleranz". Erregt rief Günter Zacharias: "Was sind das für Menschen! Nicht einmal mein sowjetischer Vernehmungsoffizier hat mir so einen Vorwurf zugemutet."

Die Sowjets hatten Zacharias als Fünfzehnjährigen interniert.