Schon von weitem ragt auf dem Weg von Berlin nach Falkensee das neue Herlitz-Werk in die flache Landschaft. Als sich Herlitz bald nach der Wende in die noch bestehende DDR orientierte und die Herlitz Potsdam GmbH gründete, da wurde bald klar, daß dem seit Jahrzehnten rasch expandierenden Unternehmen - Umsatz 1972: 38 Millionen, jetzt 1,9 Milliarden Mark - ein neuer Umsatzsprung bevorstand. Das Betriebsgelände in Berlin-Tegel ließ aber keine Erweiterung zu.

So suchte die Firma Gewerbeflächen außerhalb Berlins. Falkensee liegt nur sieben Kilometer vom alten Versandzentrum Spandau entfernt, ein cleverer Bürgermeister versprach zügige Entscheidungen, die 420 000 Quadratmeter angebotene Fläche, zuvor ein LPG-Acker, waren sehr preiswert, und die Brandenburger Förderbedingungen waren besser als in Westberlin. Bei Investitionen von 350 Millionen gab das Land Brandenburg 85 Millionen Mark Zuschuß. "Das ging nur im Speckgürtel, den kann man nicht überspringen", meint Vorstandsmitglied Detlef Stronk. Rund 800 Mitarbeiter sind hier tätig, zwei Drittel von ihnen kommen aus Berlin.

Mittlerweile ist außerdem eine Gartenstadt mit 1350 Wohnungen im Werden. "Die Baugenehmigungen waren in einem Jahr da", erzählt Helge Sypereck, der das Projekt geplant hat. "In Berlin hätte das vier bis fünf Jahre gedauert." Die gerade mal fünf Jahre alte Herlitz-Tochter macht jetzt einen Jahresumsatz von rund 200 Millionen Mark - und plant weitere Wohnungen an neuen Standorten.

Das Beispiel Herlitz zeigt die wachsende Konkurrenz, die sich Berlin und Brandenburg bei Gewerbeansiedlung und Wohnungsbau machen.

Berlins Boden ist knapp und teuer, die Bürokratie zersplittert und umständlich, und die traditionelle Berlin-Förderung hat Finanzminister Theo Waigel längst gestrichen. Hinzu kommen die niedrigen Löhne in Brandenburg. "Fast alle Branchen zahlen unter Tarif. Sechzig Prozent der Firmen halten die Tarifverträge nicht ein", meint Christiane Bretz, die DGB-Chefin von Berlin-Brandenburg.

Andere Unternehmen haben es Herlitz längst nachgemacht. DeTeWe baut Telephone in Dahlwitz-Hoppegarten und was von der Bahntechnik der AEG in das neue Unternehmen ABB Daimler Benz Transportation eingegangen ist, wird jetzt in Hennigsdorf hergestellt. Riesige Verbraucher-, Möbel- und Baumärkte im Berliner Umland - mittlerweile rund ein Dutzend - ziehen Kaufkraft aus Berlin ab. Gerade hat bei Wildau am Südrand von Berlin wieder ein neues Einkaufszentrum eröffnet, das A-10-Center mit 96 000 Quadratmeter Einkaufsfläche und 3000 Parkplätzen. Und Zehntausende von Berlinern, vor allem Besserverdienende, bauen und kaufen Häuser und Wohnungen außerhalb der Stadt, weil sie dort höhere Zuschüsse bekommen, und zahlen dann auch ihre Steuern in Brandenburg.

Solche Entwicklungen sollten mit der Fusion der Länder Berlin und Brandenburg wenn schon nicht verhindert, so doch besser gesteuert werden. Und die dem Land zustehenden Steuern wären bei geglückter Fusion ohnehin in einen Topf geflossen. Aber die Brandenburger und die Ostberliner haben diese Pläne am 5. Mai mehrheitlich durchkreuzt. Am Tag nach der mißglückten Fusionsabstimmung sprach Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe noch von enger Zusammenarbeit beider Länder, die "konföderative Züge" annehmen könne. Man wolle eine Verantwortungsgemeinschaft - aber keine "Ehe ohne Trauschein", wie Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen ergänzte.