Der dahinsiechende Wladimir Lenin erhielt in seinen letzten Lebensjahren eine eigens für ihn gedruckte Prawda. Er sollte ihr entnehmen, daß alles im Land seinen sozialistischen Gang ging. Arrangeur dieses Sonderdrucks war Josef Stalin. Der zunehmend isolierte Boris Jelzin fragte 1995, kurz nach dem Einmarsch in Tschetschenien, seine Beraterrunde: "Wo ist denn die Iswestija geblieben?" Die eilfertige Antwort lautete: "Sie ist heute nicht erschienen."

In Wirklichkeit hatte das Blatt gerade Manipulationen der Kriegspartei im Kreml aufgedeckt. Arrangeur dieser Sonderbehandlung war Alexander Korshakow, damals noch oberster Leibwächter und elf Jahre engster Vertrauter des Präsidenten. So plumper Arrangements bedarf es nicht länger. Das russische Fernsehen hat soeben die Demontage des populären Sicherheitsberaters Alexander Lebed im alten sozialistischen Gang vorexerziert. Für den neuerlichen Kotau der Medien sorgt der 41jährige Anatolij Tschubais, in dieser Woche hundert Tage Kreml-Stabschef - der eiskalte Engel am Krankenbett Jelzins. Einst verwegener Treuhänder der russischen Privatisierung und jetzt des Präsidenten, hat sich Tschubais in den vergangenen Monaten eine Machtfülle gesichert, die die Definition des Stabschefs in der Verfassung rückstandslos sprengt.

Böse Zungen nennen Tschjubajs inzwischen den "Programmierer des virtuellen Staatschefs". Vergangene Woche hat der Politprofi von schmächtigem, aber modernstem westlichen Zuschnitt den vollmundigen russischen Patrioten und Friedensstifter im Kaukasus, Alexander Lebed, aus dem Kreml gekippt - mit der gleichen Leichtigkeit, mit der er ihn vor vier Monaten als Stimmenfänger für Jelzin hineingelockt hatte.

Tschubais, der "Erzliberale", und Premier Tschernomyrdin, der Rohstoffexporteur, lenken Jelzin allein auf weiter Kreml-Flur.

Die Legende von der dritten Kraft Lebed ist vorerst zerstört.

Der Exgeneral mit seiner Wünschelrute für die schnelle Machtübernahme fand in keinem Kreml-Winkel personelle, finanzielle, organisatorische Quellen. Seine Autorität speiste sich aus seinen populären Attacken in Moskau und seinen Husarenritten nach Tschetschenien. "Lebed", so sagt der angesehene Ökonom Mark Urnow, "ist zu hundert Prozent Charisma."

Worauf beruht dieses Charisma? Und warum war es kein Schild ausgerechnet gegen Anatolij Tschubais? Der ist durch seine geniale, aber gnadenlose Privatisierung Rußlands ganz im Sinne des weltweit fortschreitenden Sozialdarwinismus zum unpopulärsten Politiker des Landes geworden.