Staatsmänner streiten nicht. Sie schütteln einander die Hände, klopfen einander auf die Schultern, prosten einander zu. Erst recht, wenn es sich um den Kanzler zu Bonn und den Präsidenten aus Paris handelt. Die deutsch-französische Freundschaft gebietet Traulichkeit und Harmonie.

Doch wie geht es hinter den Kulissen zu? Die Frage ist vor allem dann brisant, wenn objektiv heikle Situationen neu zu bewältigen sind. So eine war die deutsche Vereinigung: Hier zwei deutsche Staaten, die zusammenstrebten da ein Frankreich, das - durchaus zu Recht - um sein Gewicht angesichts des neuen Kolosses jenseits des Rheins bangte. Viel Tinte ist bereits in dieser Sache geflossen.

Doch erst seit kurzem gibt es zwei Bücher, die erlauben, hüben wie drüben den Vorhang der verlautbarten Meinungen beiseite zu ziehen und die beiden Einschätzungen miteinander zu konfrontieren.

Auf deutscher Seite ist dies das Werk von und über Helmut Kohl: "Ich wollte Deutschlands Einheit". Es erstaunt nicht, daß der Kanzler sich darin als jemand darstellt, der fast allein für Deutschlands Vereinigung kämpfte, derweil sich die anderen "längst mit den Realitäten abgefunden" hatten. Alle zauderten, er nicht.

Im Unterschied zu ihm hätten die übrigen europäischen Staatschefs, allen voran Margaret Thatcher, die Zeichen der Zeit nicht erkannt und sich so trotzig wie zwecklos quer gelegt. Und wie hielt es "Freund François" in Paris? Ihm bescheinigt Kohl einerseits, den Deutschen wohlgesinnt gewesen zu sein, andererseits schildert er ihn als verunsichert und zaudernd. Er habe auf ihn "etwas befangen" gewirkt: "So hatte ich ihn bis dahin im persönlichen Gespräch noch nie erlebt." Nie habe der Franzose damit gerechnet, daß alles so schnell gehen würde? Vor allem Mitterrands Beharren auf eine frühe, unmißverständliche Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze hat den Pfälzer empört. "Wenn ich zurückschaue, dann glaube ich, daß François Mitterrand die konkrete Situation einfach falsch eingeschätzt hat", gibt er zu Protokoll.

Wie sieht das aus französischer Sicht aus? War der Präsident wirklich der Bremser? Und wenn ja: War er damit ganz im Unrecht? Mitterrands eigene, posthum erschienene Aufzeichnungen sind wenig aufschlußreich zu offenkundig meißelt der Elysee-Herr darin an seinem Monument.

Fragwürdig sind auch die Aufzeichnungen seines Beraters Jacques Attali, da an der Authentizität vieler angeblich im Wortlaut wiedergegebener Sätze erhebliche Zweifel bestehen. Doch nun meldet sich Hubert Védrine zu Wort, der die gesamten vierzehn Amtsjahre an Mitterrands Seite im Präsidentenpalast verbracht hat. Védrine war nie ein Intimus und Freund des Patriarchen, indes ein überaus loyaler Mitarbeiter. Nüchtern und trocken wie er selber sind seine Aufzeichnungen, mitunter gar ein wenig langweilig. Pikantes sucht man hier vergeblich.