Kurz vor seinem Tod blickt ein Mann auf ein intensives dreißigjähriges Gelehrtenleben zurück und kommt zu dem Urteil: "Jeder von uns . . . in der Wissenschaft weiß, daß das, was er gearbeitet hat, in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja, das ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft, dem sie . . . unterworfen" ist. "Jede wissenschaftliche ,Erfüllung' bedeutet neue ,Fragen' und will ,überboten' werden." "Damit hat sich jeder abzufinden, der der Wissenschaft dienen will", denn "wissenschaftlich überholt zu werden" - das ist "unser aller Zweck. Wir können nicht arbeiten, ohne zu hoffen, daß andere weiterkommen als wir. Prinzipiell geht dieser Fortschritt ins Unendliche."

Ich gestehe es gern: Max Webers Urteil in "Wissenschaft als Beruf" widerstrebte mir bei der ersten Lektüre zutiefst und auch danach noch mehrfach, jahrelang. Das Diktum widersprach meinem Temperament, auch der Hoffnung eines jeden jüngeren Wissenschaftlers und jeder Wissenschaftlerin, möglichst etwas von langer Dauer schaffen zu können. Erst allmählich habe ich mühsam gelernt, daß in diesen Worten eine tiefe Wahrheit über das, was wir tun, ausgesprochen ist.

Damit leite ich keine verfrühte Kapitulation der Sozialgeschichte und Gesellschaftsgeschichte ein, ich beginne auch nicht eine Captatio benevolentiae der neuen Kulturhistoriker und Kulturhistorikerinnen. Vielmehr möchte ich zuerst auf einige Generationserfahrungen und -entscheidungen mit ihren erkennbaren Konsequenzen kurz zurückblicken, dann erneut verteidigen, wie man das wissenschaftliche Weiterkommen im Sinne Webers erleichtern kann, und schließlich etwas zu der gegenwärtigen Kontroverse zwischen Sozialgeschichte und Kulturgeschichte sagen.

Die Ideen- und Politikgeschichte wirkte in den 1950/60er Jahren noch fest etabliert. Die meisten von uns waren damit überfüttert worden. Keiner hätte um 1960 an den bevorstehenden Kollaps der Geistesgeschichte zu glauben gewagt. Dagegen war die historische Analyse von Gesellschaft und Wirtschaft seit längerem eklatant vernachlässigt worden. Jahrzehntelang aber hatten gerade sie, so schien es uns, ihre Macht als Bewegungskräfte und restriktive Bedingungen der historischen Entwicklung demonstriert. Davon ging ein starker Sog aus, sie wissenschaftlich endlich zu untersuchen. Er wurde durch die Überzeugung unterstützt, daß auch und gerade politische Herrschaftssysteme ohne die Berücksichtigung der sozialen und ökonomischen Dimension nicht angemessen zu erfassen seien, zumal sie von der regierenden Politikgeschichte meistens ausgeblendet worden waren.

Daher wirkten Soziologie, Ökonomie und Politikwissenschaft als die begehrten Anreger und Ideenspender unter den systematischer orientierten Nachbarwissenschaften.

Die meisten von uns waren in der hermeneutischen Tradition des deutschen Historismus ausgebildet worden, dem die Heiligkeit des "historischen Individuums" ein wahres Lebenselixier war. Im Gegenzug ging es daher um überindividuelle Strukturen und Prozesse, die auch den einzelnen, seine Weltorientierung, sein Denken und Handeln prägen.