Die Aktien der Deutschen Telekom scheinen ein Renner zu werden. Mehr als drei Millionen Bundesbürger haben sich bereits als potentielle Käufer registrieren lassen. Wenn sie alle zugreifen, gehen die Anteilscheine weg wie warme Semmeln. Nicht nur Ron Sommer, der Chef des Telekommunikationsgiganten, dürfte angesichts des sich abzeichnenden Erfolgs der Verkaufsaktion ein Stein vom Herzen fallen. Auch viele andere Zeitgenossen werden aufatmen. Denn an die weitaus größte Aktienemission in der Geschichte der Bundesrepublik haben sich hohe Erwartungen geknüpft.

Rolf-E. Breuer, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, sprach von der "letzten Chance", die Privatanleger an die Börse heranzuführen. Und selbst der zurückhaltende Vizepräsident der Deutschen Bundesbank, Johann Wilhelm Gaddum, drückte die Daumen: Schließlich könne eine erfolgreiche Plazierung der Telekom-Anteilscheine "den Durchbruch zu einer neuen Aktienkultur in Deutschland markieren".

Ist der Durchbruch nun geschafft? Deutschland liege im "Aktienfieber", freut sich Sommer über die überraschend große Nachfrage privater Anleger. Doch Vorsicht, überhöhte Temperaturen sind nicht unbedingt ein Grund zum Jubeln. Gelegentlich endet Fieber tödlich. Wo die "letzte Chance" winkt, lauern auch entsprechende Risiken. Noch ist es zu früh für eine Voraussage, ob die Telekom-Papiere tatsächlich die Initialzündung zu einer Revolution der Aktienkultur auslösen. Kultur läßt sich eben nur schwer ändern.

Aktien haben in der Bundesrepublik einen relativ geringen Stellenwert. Von den rund 2,7 Millionen deutschen Unternehmen sind lediglich rund 670 als Aktiengesellschaften an der Börse notiert. Ihr Kurswert entspricht gerade einem Viertel der gesamtwirtschaftlichen Leistung. Zum Vergleich: In Amerika ist die Quote mit 67 Prozent dreimal so hoch. Nur etwas mehr als vier Millionen Bundesbürger besitzen Anteilscheine an Unternehmen, und vom gesamten Geldvermögen der privaten Haushalte stecken lediglich 5,5 Prozent in Dividendenwerten.

Für dieses - im Vergleich zu den angelsächsischen Ländern - äußerst bescheidene Interesse gibt es mehrere Ursachen. Die meisten deutschen Unternehmen konnten sich bislang den Gang an die Börse sparen, weil sie über andere Geldquellen verfügen. Sie decken ihren Finanzbedarf zum einen aus Eigenmitteln, also aus Gewinnen und Abschreibungen, zum anderen aus Bankkrediten. Dabei spielt nicht nur das Steuerrecht eine Rolle, das die Fremdfinanzierung begünstigt und das Eigenkapital benachteiligt.

Auch das deutsche Banksystem unterstützt diese Entwicklung. Weil ihnen damit permanente und vor allem lukrative Einnahmen zufließen, haben hiesige Geldhäuser allemal mehr Interesse daran, ihre Firmenkunden mit Krediten zu versorgen, als sie an die Börse zu führen. Anders in Amerika: Dort sind Kreditbanken und die für Aktienemissionen zuständigen Wertpapierhäuser strikt voneinander getrennt. Sie konkurrieren vielmehr mit ihren unterschiedlichen Angeboten um die Gunst der Unternehmen. Zu allem Überfluß belastet der Fiskus hierzulande Kapitalgesellschaften stärker als Einzelunternehmen und Personengesellschaften. Kein Wunder, daß letztere kein Interesse an einer Umwandlung in eine Aktiengesellschaft haben.