Selten zuvor lagen Glanz und Elend, Stabilität und Chaos so eng beieinander. Eigentlich, so sieht es der historische Kalender für die nächste Woche vor, hätte Helmut Kohl in Jubiläumslaune seiner persönlichen Bestleistung entgegensehen können: länger im Kanzleramt als Konrad Adenauer - und folglich der dienstälteste demokratische Regierungschef deutscher Geschichte. Doch weder im Land noch in der eigenen Partei will Jubelstimmung aufkommen. "Der ewige Kanzler" - so weihräucherte nur der Spiegel .

Das Drunter und Drüber in der Bonner Koalition, in dem ein Milliardenloch nach dem anderen klafft, ein Steuervorschlag den nächsten jagt, beweist nur das eine: Die Regierung Kohl ist mit ihrem finanzpolitischen Latein am Ende. Mehr Schulden - das geht nicht, und das keineswegs nur wegen Maastricht. Höhere Steuern - das geht nicht, und das nicht nur wegen der Liberalen. Tiefere Einschnitte in Subventionen und soziale Leistungen - das geht nicht, wenn man sich nicht massiv mit den Interessengruppen anlegen will. Was Wunder, daß sich da mancher der Worte Helmut Schmidts erinnert, als er im Frühjahr 1982 kurz vor dem Sturz seinen Gefolgsleuten das "Gardez!" ansagte: Mehr Schulden - das geht mit mir nicht. Schärfere Kürzungen - das geht mit euch nicht.

Damals gab es freilich eine machtpolitische Alternative. Die FDP brauchte nur mit Hängen und Würgen die Seiten zu wechseln. Heute müßten sich die Liberalen schon selbstmörderisch in den Abgrund einer Koalition mit den Sozialdemokraten, den Grünen und der PDS stürzen, wollten sie den Kanzler ins Wanken bringen, der eben von seiner Partei in Hannover mit Riesenzahlen als Vorsitzender bestätigt wurde. Oder die Union müßte dessenungeachtet all ihre archaischen Ängste überwinden und Vatermord am Enkel Adenauers begehen, damit der Weg für eine große Koalition frei wird. Bis zu den nächsten Wahlen scheint die Republik auf Gedeih und Verderb an ihrem Kanzler zu hängen - und er an ihr. Nichts geht mehr aber auch nichts anderes.

Wie lange kann ein Land eine solche verrückte Situation aushalten? Wann verliert einer der Beteiligten die Nerven, wann brechen alle rationalen Kalküle in sich zusammen? Wäre es nicht besser, der Kanzler, der sich unersetzlich gemacht hat, ersetzte sich am Ende doch noch selber?

Wäre da nicht das große Projekt Europa, der Abschied wäre dringend geboten. Wer immer in welcher Konstellation auch immer danach käme: Schäuble, Rühe oder Stoiber, Schröder oder Lafontaine, kleine oder große Koalition. Schlimmer kann es in der Innenpolitik kaum noch kommen. Allein die vorerst noch alles überwölbende Frage "Was wird aus dem allenfalls oberflächlich vereinten Deutschland in einem noch nicht hinlänglich vereinten und erweiterten Europa?" macht einen Kanzlerwechsel vor 1998 zu einem unkalkulierbaren Risiko. Wenn überhaupt, so könnte wohl nur Helmut Kohl den Willen und die Autorität aufbieten, die Europäische Währungsunion durchzusetzen - ein politisches Projekt von existentieller und strategischer Bedeutung.

Sonst aber: je früher, desto besser. Denn Helmut Kohl wird immer öfter von sich selber eingeholt. Seine Stärken sind längst zu seiner Schwäche geworden. Die Mittel, mit denen es ihm gelang, sich die Macht zu erhalten, sind untauglich, die Macht noch sinnvoll gestaltend zu gebrauchen. Die Zustände, die zu ändern er für notwendig hält - er hat sie nach vierzehn langen Jahren selber zu verantworten.