Jemand hat es auf mich abgesehen. Kein Zweifel, ich werde verfolgt. Ein Riesen komplott, das die totale Kontrolle des Denkens zum Ziel hat. Morgens zu Hause, mittags im Büro, abends im Taxi, er ist überall. Es gibt kein Entrinnen. Wo immer ein Radio angeschaltet wird, legt er eine Standleitung mitten ins Hirn. Sein Name: DJ BoBo . Seine Waffe: ein Hit namens "Pray". Die Wirkung: debiles Mitsummen und rhythmisches Fußklopfen noch Stunden später. Meine Freunde sind entsetzt, einige meiden mich bereits. Es reicht.

"BoBo" sagte mir vor dem ersten Konzert in Hamburg soviel wie balla balla, also nichts. Angewidert erstarrten treue Begleiter langer Clubnächte bei der bloßen Erwähnung des Namens, das hätte mir zu denken geben müssen. In der Halle dann eine Stimmung wie kurz vor der "Sesamstraße". Überall freudig erregte Kindergesichter - gibt es da eigentlich kein Mindestalter? - und verloren dreinschauende Eltern, die ihre Kids mit Fan-T-Shirtsmützenjacken ruhigstellen. Von den Postern strahlt ein lustiges Mondgesicht. Soll ER das sein? DJs sahen auch mal anders aus.

Doch schnell wird klar: Das DJ, das für Diskjockey steht, klebt an seinem Namen wie ein Wurmfortsatz, nutzlos; ein Hinweis bloß auf Zeiten, die er längst hinter sich gelassen hat. Mit den Stars der Plattenauflegerszene, den Sven Väths und Westbams dieser Welt, hat er nichts gemein. DIE sind cool, aber ER verkauft die Platten.

Zwischen zwei riesigen Papp-Pyramiden brennen irgendwelche Feuer und knallpuffen kleine Sprengsätze, dazwischen hopst ER mit mehreren Jungs in ägyptischen Kostümen herum, hinten singen ein paar Schönheiten, dann verwandelt sich alles in Las Vegas. Auf der Bühne ist also ziemlich viel los, mit richtigen Flickflacks und so.

Die hundert Minuten der "World in Motion"-Tour-Show sind eine Mischung aus Augsburger Puppenkiste und Musical. Als "Dancefloorkasper" belächeln ihn deswegen diejenigen, die nervös werden, wenn einer Erfolg hat mit Musik, die nichts als Spaß sein will und die die Massen glücklich macht.

Verzückt starren große Kinderaugen aus den ersten Reihen auf das bunte Spektakel, und Moment mal - auch die Erwachsenen singen alle mit und wiegen ihre Arme über den Köpfen. Die Stücke: mal eine Ballade, mal ein bißchen Reggaeverschnitt, aber meist eröffnet süßer Frauengesang den Song, und dann folgt Männerrap, EuroDance heißt das. Musik wie ein Big Mac, eine deftig-einfache Mischung und leicht zu greifen, der Spaß für die ganze Familie. Bei jedem zweiten Stück kommt heimelige Feuerzeugstimmung auf. Total platt, denke ich, Ohrwürmer, dumme - aber da summe ich bereits BoBos "Pray for freedom" mit.