Wenn Marc Andreessen, der Vordenker der Softwarefirma Netscape, recht behält, wird die elektronische Post die alles dominierende Anwendung der nächsten Jahre. Eine sogenannte Killer-Anwendung also, die das Geschäftsleben umkrempelt, neue Märkte erschließt und nebenbei dem papierenen Brief endgültig den Garaus macht. In den USA wurden in diesem Jahr bereits mehr elektronische Geschäftsbriefe als solche aus Papier verschickt, Tendenz steigend. In Deutschland ist es noch nicht ganz soweit. Hier werden erst einmal die Briefzentren modernisiert, damit sie mit dem schwindenden Umschlag besser fertig werden.

Nun ist aber ein Geschäftsbrief auch eine Art Würdenträger: Noch das kleinste Unternehmen will sich damit angemessen präsentieren. Das Firmenemblem auf dem Briefkopf, die ziselierte Unterschrift i.V., eine ausgesucht identitätsstiftende Schriftart und seltsam verdrehte Anreden ("Sehr geehrter Firma Schmitz, Dr. Gabriele") aus einer falsch programmierten Datenbank, all das gehört unbedingt dazu.

Heutige E-Mails sehen leider ganz anders aus. Nichts als eintönige Textzeichen und dazu noch ständig von Lachhaftigkeit bedroht, weil immer mal wieder die Umlaute beim Übertragen entstellt werden.

Vergangene Woche rief Andreessen also zur Abhilfe auf: Unsere Mail muß schöner werden! Und zwar mittels HTML, jener Programmiersprache, aus der die bunten Seiten des World Wide Web gemacht sind. Wenn sich die Industrie darauf einigt, könnte man auch E-Mails austauschen, die per HTML erzeugt worden sind. Wahre Schmuckbriefe mit Farbe, Firmenlogo und tanzenden Buchstaben wären dann möglich; eine Mahnung könnte mit bedrohlicher Filmmusik hinterlegt werden, und eine Einladung zum Geschäftsessen käme gleich mit Straßenkarte in den digitalen Postkorb. Die neue Web-Software von Netscape, der Communicator 4.0, soll das einmal alles können.

Einen Nachteil hat die neue Mail immer noch: Sie muß gelesen, verstanden und meist auch noch beantwortet werden. Auch davon will Netscape die Anwender wenigstens teilweise erlösen: Die Unternehmenstochter Alphablox arbeitet an einer neuen Technik namens Netblox .Sie soll Briefe ermöglichen, die zu halbwegs eigenständigen Aktivitäten imstande sind. Ein paar Anweisungen im Briefkopf, und schon kann beispielsweise der Kunde eines Immobilienmaklers eine E-Mail losschicken, die sich in dessen Datenbank nach neuen Eigentumswohnungen umsieht.

Oder nehmen wir an, ein Geschäftsfreund der Firma Bulk International möchte dem Inhaber einen Gruß zum Geburtstag zukommen lassen, kennt aber das Datum nicht. Eine Bitte um Auskunft könnte mißlich gewertet werden; eleganter geht es mit einem Geburtstagsblox : Ein solcher Brief landet erst einmal auf einem elektronischen Postverteiler, der mit der neuen Technik umgehen kann. Dann schaut der Blox in den verfügbaren Datenbanken des Empfängers nach, bis das richtige Datum gefunden ist, fügt es in den Brief ein, und pünktlich am Geburtstagsmorgen erhält der Inhaber seine Gratulation.