Versteht sich: So viele Meister, Meister allein des Goldenen Zeitalters, wurden in Leiden geboren - Frans van Mieris, Metsu, Dou, Rembrandt, Jan Lievens -, da kann man nicht alle Daten im Kopf behalten. Und so hat das Leidener Museum De Lakenhal mit seiner jubilösen Ausstellung den 400. Geburtstag Jan van Goyens am 13. Januar (siehe ZEITmagazin Nr. 3/96) auch um läßliche acht Monate verfehlt; kommt allerdings noch fast pünktlich, um bei Jan Steen synchron mit dabeizusein, der Ausstellung, die gerade im Amsterdamer Rijksmuseum zu sehen ist, eine halbe Stunde Zugfahrt entfernt beziehungsweise eine Generation: Steen, 1626 natürlich ebenfalls in Leiden geboren, war van Goyens Schwiegersohn - kleine Republik der alten Meister.

Rund fünfzig Ölgemälde und etliche Skizzen, von den ersten Versuchen noch im Schatten seines Lehrers Esaias van de Velde bis zu seinen letzten, nahezu klassischen Kompositionen, zeigen, wie van Goyen die Landschaft entdeckte, sie portraitierte und freimütig variierend neu erfand; zeigen den malenden Zeichner und den zeichnenden Maler, den Vincent van Gogh so bewundert hat: "Wie gut tut es", schrieb er seinem Bruder Theo, "an Leute wie van Goyen zu denken!"

Als einer der ersten Maler überhaupt hatte er sich aufgemacht, nach draußen, war auf Kirchtürme geklettert, durch die Dünen gewandert. Die Skizzen, Skizzenbücher berichten von seinen Streifgängen durchs Polderland: Stadt-, Strand-, Flußnotizen, hier der windschiefe Rhythmus eines alten Zauns, dort die Schattenmelodie einer Stadtsilhouette oder Uferpartie. Und wir sehen den Horizont auch auf den Gemälden immer tiefer sinken, das Land sich ins Unendliche öffnen, und es ist der Himmel selbst, der zum eigentlichen Thema der Bilder wird, zur eigentlichen Erzählung.

(59873 byte) Landschaft

Keiner hat freier geatmet, gemalt, ohne mythologisch-metaphorische Fußnoten, ohne moralisierende Winke. Man spürt, wie ihn Wetter und Licht fasziniert haben, Spiegelungen, Entfernungen. Eine ungewöhnlich wuchtige "Landschaft mit Regenbogen" (aus dem Stockholmer Hallwylska Museum) oder ein "Gewitter auf dem Meer" (aus Leidens eigener Sammlung) - all das war auch Experiment, war auch Naturwissenschaft mit anderen Mitteln, Echo dessen, was in den Labors erforscht und in den Hörsälen gelehrt wurde, nicht zuletzt an einer der modernsten Universitäten Europas, in Leiden.

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