Der Berg täuscht. Mächtig reckt der Thaneller seinen schneebedeckten Gipfel in den blauen Tiroler Herbsthimmel und entlockt dem angereisten Flachländer ein fröhliches Hollidoh. Doch unten im Tal herrscht keine Jodelstimmung. Vor allem Jammern und Heulen ist da zu vernehmen: Tirol in Haider-Hand.

In drei österreichischen Bundesländern (Kärnten, Salzburg, Tirol) haben sich die "Freiheitlichen" unter ihrem Obmann Jörg Haider bei der Europawahl auf Platz eins geschoben. Ihre Parteifarbe ist Blau, täuschend wie der Himmel am Thaneller. Die Gegner sehen mehr das Braune, die Farbe der Endmoränen am Gebirgsfuß.

Am Ortseingang von Reutte, einer kleinen Bezirkshauptstadt in Tirol, lacht Parteichef Haider auch noch zehn Tage nach der Wahl von der Plakatwand hinter der Shell-Tankstelle: "Wahltag ist Zahltag". 36,4 Prozent haben ihn hier gewählt und die FPÖ zur stärksten Partei gemacht - ausgerechnet hier, in dieser Tiroler Idylle. Warum nur?

Ich fahre zu Margit Dablander, der Bezirkssprecherin der Grünen. "Am Kruzifix links", hat sie gesagt. Das Holzhaus liegt in der zweiten Reihe, neu gebaut, ökologisch durchdacht. In ihrem kleinen Büro im ersten Stock ordnet Margit Dablander, wenn das Mittagessen gekocht ist, die Politik in ein Hängeregister ein. Verkehr Energie - Rechtsradikale. Auf mein "Warum?" fängt sie hektisch an, die Hängeordner zu durchwühlen, und kopiert mir schließlich einen alten Zeitungsartikel, wonach der Lkw-Verkehr in Reutte um siebzig Prozent zugenommen habe. "Ja - und der Linser Franz", sagt sie, "das ist ein schöner Mann."

Der schöne Linser Franz: Er war der nationale Spitzenkandidat der FPÖ für das Europäische Parlament, und er kommt aus Reutte. Als er auf dem Isserplatz seine erste große Rede unter freiem Himmel hielt, da bemerkte die Verkäuferin im gegenüberliegenden A & O-Lebensmittelmarkt: "Mei, jetzt schreit der Franzl scho' so laut wie der Haider!" Damit war auch über den Inhalt seiner Rede vieles gesagt, denn Frau Dablander faßt sie in den Worten zusammen: "Also der Linser Franz, der isch scho' recht, aber a bißerl hohl."

Eine noch schlechtere Meinung hat Dablander von Hansjörg Beirer, dem einzigen FPÖ-Gemeinderat von Reutte - der sei "jenseits". Wieder zieht sie aus dem Hängeregister einen Artikel hervor. Der Rechtsanwalt Beirer, so wird darin berichtet, hatte einen Kater namens Fritzi. Eines Tages wurde Fritzi von einem türkischen Autofahrer überrollt, und Beirer verlangte fünfhundert Schilling Schadensersatz (hat sie aber nicht bekommen). Vielleicht kann Beirer selbst dem Verständnis helfen. Wenn der "Herr Doktor", wie sie ihn hier nennen, in seiner Kanzlei hinter dem Schreibtisch sitzt und die Hände faltet, blinkt es von der Goldrandbrille über das Goldkettchen zur Goldarmbanduhr und dem goldenen Siegelring. Beirer geht es schlecht. "Was man mit mir hier gemacht hat, das wünsche ich keinem, nicht einmal meinem Feind." Er meint damit das Gerücht, er habe Geld gefordert, um im Gemeinderat für die Ansiedlung eines Baumarktes zu stimmen. "Alles gelogen, das hat die ÖVP erfunden." Die Österreichische Volkspartei ist die alte Macht in Reutte, lag aber bei der Europawahl um mehr als zehn Prozent hinter der FPÖ. "Die haben Dreck über mich geschüttet", klagt Beirer.