"Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die

künftige suchen wir." (Hebräer 13,14)

Auch dies geschah im Abendlicht, 1945: daß ein junger Deutscher, der keinen Führer mehr hatte, durchs Württembergische vagabundierte, an Herkunft und Zukunft verzweifelt. Daß er bei einem Bauern Nachtquartier erbat. Daß er freundlich aufgenommen wurde, Unterkunft und Stellung fand und einen Platz am Tisch; und der Bauer brach seinen Kindern das Brot wie der Wirt von Emmaus im Evangelium des Lukas, und alle sprachen: "Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget." Da spürte Hitlers hinterbliebener Soldat, der Gottverächter, statt der deutschen Katastrophe seine höchstpersönliche Bewahrung und wollte wieder "glauben" und auch solche Gebete und Kinder haben. Und studierte Theologie und heiratete die Tochter des Superintendenten und wurde Pfarrer in der "Zone", also mitten "unterm Kreuz." Freilich im Frieden.

Er hatte keinen Kinderglauben, doch die er glauben lehrte, waren Kinder. Wir glaubten "an", nicht "durch" die biblischen Geschichten. Natürlich kam der Tag, da die historisch-kritische Forschung ins Kinderzimmer einbrach wie Chruschtschows XX. Parteitag in ein frommes Stalinistenherz. Abraham, Isaak und Jakob waren mythologische Tendenzgestalten, Mose hatte nicht auf dem jahweumwölkten Sinai gottgemeißelte Gebote abgeholt, Jona keineswegs im Wal campiert und Jesus nie Wasser bewandelt. Die Bibel entlarvte sich als Menschenwerk: nicht willenlos getreu Gottes Offenbarung dokumentierend, sondern absichtsvoll verfaßt, tausendfältig nachgebessert, übertüncht, stilisiert und hingebogen, ganz wie es die "Verkündigungssituation" verlangte. Solche Variabilität war schrecklich für die seßhafte Betrachtung. Unbeirrt blieb nur Gottes Stimme aus dem Feuerbusch (2. Mose 3,14): "Ich bin, der ich sein werde" - nicht unwandelbar erhaben von Ewigkeit zu Ewigkeit, sondern eingeboren in Geschichte, in meine Zeit.

Gott in jedermanns Geschichte zu wissen, womöglich auch in Walter Ulbrichts, war so angenehm wie eine fremde Zahnbürste. Zum Glück verzichtete Ulbricht ("Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein"). Als Täter-Typ a la Herodes und Pilatus hatte er vermutlich schlechte Karten, doch man wußte nie. Gott schien äußerst paradox. Daß der Herr der Geschichte in und an derselben stürbe, als ihr Opfer für ihre Täter, das verquirlte alle Werte und ließ Tod und Auferstehung, Ostern und Karfreitag in dieselbe Sekunde fallen.

War Jesu Grab am Ostermorgen leer? Unwichtig, sagte Vater. Fakten stiften keinen Glauben. Und widerlegen sie ihn?