Haastrecht

Es gab, auch im Königreich der Niederlande, Zeiten, in denen Kirche und Kapital einander verstanden. Da ließ ein Keramikfabrikant namens Regout schon mal den Dechant von Maastricht rufen, um über unbequeme Arbeiter zu reden, und versprach: "Wenn du sie dumm hältst, dann halt' ich sie still."

Rund einhundert Jahre später ist es ausgerechnet der römisch-katholische Bischof von Breda, der nicht länger stillhalten kann, der nicht mehr stillbleiben will. Im Jahre des Herrn 1996 demonstriert Monsignore Muskens gegen die neue Armut in einem reichen Land, das von Sozialdemokraten und Liberalen regiert und saniert wird. Der Mann der Kirche verteidigt die Rechte der Aussortierten und Abgeschriebenen und schert sich einen Teufel um die heiligsten Kühe des Kapitalismus. "Gott hat nichts dagegen, wenn einer, der so arm ist, daß er weder sich selbst noch seine Kinder ernähren kann, beim Bäcker ein Brot stiehlt", verkündete der Oberhirte Anfang Oktober in der Fernsehsendung "Feldpost". Den älteren Deutschen wird das Wort des Kölner Kardinals Frings einfallen, der dem Kohlenklau im Hungerwinter 1946 seinen Segen gab; die Rheinländer sprechen seitdem vom "fringsen".

Die Botschaft des holländischen Bischofs klang wie ein Schrei in der Wüste und eilte wie der Sturmwind durch Backstuben, Suppenküchen und Kirchen bis ins Kabinett. "Premier Kok kocht", meldeten die Tageszeitungen. Und während die Gewerkschaft der Bäcker die Worte des Hirten verständnisvoll aufnahm und beteuerte, keine Angst vor "proletarischen Kunden" zu haben, reagiert die rotblaue Regierungskoalition mit Rhetorik und Ranküne. Frits Bolkestein, der Vorsitzende der rechtsliberalen VVD, nannte den Bischof unbesonnen, traktierte ihn mit unpassenden Bibelworten (Sprüche 6) und verließ die Versammlung, bevor der Bischof antworten konnte. Wim Kok, der selbst dank Gewerkschaftsarbeit und Partei von der Arbeit (PvdA) aus dem "Klompenproletariat" von Bergambacht in politische Höhen gelangte, fühlte sich persönlich und im Namen aller "ehrlichen Armen" beleidigt. Und beschwor, wie schon im Wahlkampf 1994, den stillen Glanz von innen. War er nicht selbst einmal "ein Junge, der am Sankt-Nikolaus-Abend schon mit einer einzigen Pfeffernuß glücklich war, der in einer Familie groß wurde, die jeden Groschen umdrehen mußte, doch harmonisch lebte und viel zu stolz war, um auch nur mit dem Finger auf irgendwas zu deuten, was uns nicht zukam"? Und hatte er es nicht dennoch geschafft?

Alles Larifari, sagen nachdenkliche Niederländer, zitieren Heinrich Heine ("Er predigt öffentlich Wasser und trinkt doch heimlich Wein"), sprechen von Pharisäern wie der Leitartikler von "De Stem" in Breda: "Politiker, die Bischof Muskens vorwerfen, in seinem christlichen Verständnis zu weit gegangen zu sein, probieren, so wie gewisse Schriftgelehrte, ihn mit Buchstaben zu fangen aber sie verdrängen das wesentliche Problem der Armut." Oder sie amüsieren sich über den Hautgout eines sozialdemokratischen Premierministers mit einer gewerkschaftlichen Vergangenheit, der einem Kirchenfürsten den Flirt mit dem Klassenkampf vorwirft: "Daß wir das noch erleben dürfen!" spottet "De Groene Amsterdammer".

Aber was, um Himmels willen, erleben wir denn? Nach Auskunft des Zentralbüros für Statistik stieg die Zahl der Haushalte, die in den Niederlanden länger als vier Jahre an oder unter der Armutsgrenze leben, seit 1994 um 20 000 auf 420 000. Gleichzeitig wächst die Gruppe der Ärmsten: Insgesamt existieren rund zwei Millionen Menschen am Rande des sozialen Minimums: Statistisch gesehen, ist jeder achte Niederländer arm.