Im World Wide Web finden sich nicht nur Kinderpornos und zerstückelte Leichen. Auch über das Wohlergehen des Hamsters Stinky Katie ist etliches zu erfahren und über das neue Haus von Jeff und Maureen, über die Italienreise des dicken Ben und die Kündigung von Mimmi, dem Kindermädchen. Das kommt, weil mehr und mehr Privatleute nach einem Platz im Netz streben, und wo sie sich niederlassen, entsteht ein Reich des Friedens und der Traulichkeit.

Es wächst von Tag zu Tag, denn eine Homepage, eine öffentlich zugängliche Niederlassung im World Wide Web, kostet für unsereinen so gut wie gar nichts mehr. Bei den Online-Diensten Compuserve und America Online ist eine Homepage im Abonnement inbegriffen, andere Menschen können sich zum Beispiel an die amerikanische Firma GeoCities wenden, die jedem kostenlos ein Megabyte Speicherplatz auf ihrem Netzrechner anbietet.

Zehntausende ergreifen die Gelegenheit, da nun kein Verleger und keine Talk-Show-Redaktion ihnen mehr den Weg versperrt. Sie treten ans Licht der Öffentlichkeit und müssen erst einmal blinzeln. "Hallo - das bin ich!" schreibt Tommy unter sein Photo. "Danke, daß Du hierher gefunden hast. Tja - was soll ich erzählen?" Nebenan ist ein Schaltknopf, und wer ihn betätigt, hört Tochter Annika, wie sie einen Gruß quäkt.

Beherztere Privatpublizisten füllen ihre Seiten mit Kochrezepten, Photos von Nachbars Katze oder Songtexten von Metallica. Und natürlich mit Gedichten ohne Zahl ("In deinen leeren Augen pfeift der Wind"). Das Web nimmt alles auf, sein Gleichmut ist unwiderstehlich. Da kann man auch gleich sein Tagebuch hineinschreiben. Nicht wenige tun das.

Aber wer liest noch? Kaum wer. Die meisten Autoren leben mit dem Wissen, wie es um ihr Publikum steht. Sie haben automatische Zähler eingebaut, die jeden Besucher registrieren und irgendwann um den hundertzwölften herum stehengeblieben sind.

Nirgendwo sonst in der Netzwelt werden die Leser, die dennoch vorbeigeschneit kommen, so umschmeichelt und zum Bleiben eingeladen, zum Lesen, zum Sich-wie-zu-Hause-Fühlen. Und ob man hinterher vielleicht noch eine Kleinigkeit ins Gästebuch . . .? Dort steht meist herzzerreißend wenig drin, und fast jeder Eintrag lautet: "Besucht doch auch meine Homepage."