Peking

Nach dem Abendessen im Gästehaus der chinesischen Regierung hat Pekings Außenminister Qian Qichen noch eine Bitte: Er möchte gerne jedem Mitglied der deutschen Delegation, allen Diplomaten, Geschäftsleuten und sogar den Journalisten, die Hand schütteln. Kann man einen solchen Wunsch versagen?

Scherzend erhebt sich Klaus Kinkel und begleitet Qian Qichen zum Ausgang, wo das spontane Defilee beginnt. Konrad Seitz, Kinkels stets gutgelaunter Botschafter in Peking, schlüpft in die Rolle des Protokollchefs und stellt dem chinesischen Außenminister jeden einzelnen mit einem fröhlichen Spruch vor. Nachdem Qian die letzte Hand geschüttelt hat, hört er nur noch, wie sich im Hintergrund seine Gäste, diese schwierigen Deutschen, lachend ins Dunkel der Pekinger Nacht verabschieden.

Geschafft. Beiden Außenministern ist gelungen, was sie sich vorgenommen hatten: Man redet wieder miteinander - und zwar, wie sich Klaus Kinkel beim nächtlichen Pressebriefing ausdrückt, "in konstruktiver, ja ich möchte sagen freundschaftlicher Atmosphäre". So ansteckend ist seine Erleichterung, daß man die Frage vergessen könnte, wie dieser Stimmungsumschwung möglich ist.

Genau genommen hat sich ja nichts geändert am Dilemma der deutsch-chinesischen Beziehungen, am scheinbar unauflöslichen Konflikt zwischen Moral und Geschäft, zwischen Gewissen und Realpolitik. Die Führung in Peking unternimmt nicht die geringste Anstrengung, ihre harte Linie gegen Regimekritiker aufzuweichen, auch die Lage der Tibeter hat sich nicht verbessert. Nicht einmal im bilateralen Verhältnis ließ sich Ministerpräsident Li Peng zu einer Geste hinreißen: Die Türen des Pekinger Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung bleiben verriegelt. Drei deutsche Korrespondenten warten vergebens auf ihre Akkreditierung in Peking.

Umgekehrt ist auch in Deutschland alles beim alten geblieben. Die Tibet-Resolution des Deutschen Bundestages entfaltet gerade in diesen Tagen ihre Wirkung, weil sie den Außenminister dazu zwingt, das Thema in China anzusprechen. Noch im Frühsommer empörte die Parlamentsentschließung die Chinesen so sehr, daß sie Klaus Kinkel, der im Juli nach Peking reisen wollte, ausluden. Die diplomatische Eiszeit begann. Und jetzt, vier Monate später - alles vergessen?