Resigniert brütet der abgehalfterte Präsident in seinem Genfer Exil über die Hoffnungslosigkeit seines Kontinents. "Nichts wird uns erlösen können. Wir sind ein Kontinent, gezeugt vom Abschaum der ganzen Welt, ohne einen Augenblick der Liebe: Kinder von Raubzügen, Vergewaltigungen, infamer Behandlung, von Verrat, von Feinden mit Feinden."

Eine Szene aus dem Erzählband "Zwölf Geschichten aus der Fremde", ausgebreitet von Gabriel Garcia Márquez, dem Kolumbianer. Der fiktive Machthaber beschreibt in dieser Passage den weitverbreiteten Pessimismus und tiefen Frust vieler süd- und mittelamerikanischer Intellektueller. Sie sind enttäuscht, weil ihr Kontinent in seiner Geschichte gefangen zu sein scheint. "Wir sind alle ein Produkt der Traurigkeit," sagt Oliveiros S. Ferreira, ehemaliger Chefredakteur der bedeutenden brasilianischen Zeitung "O Estado de Sao Paulo".

Dahinter steckt aber auch eine Art Komplex, als Lateinamerikaner - also Nachfahre von Beutekriegern und Raubrittern - für irgendwie unfähig gehalten zu werden. Vor allem im bewunderten und als Heimat der Vorväter vielfach angehimmelten Europa hoffen die Eliten Lateinamerikas auf Anerkennung. Aber ach: Die wortführenden Intellektuellen zwischen Rio Grande und Magellanstraße fühlen sich seit geraumer Zeit von der Alten Welt nicht mehr recht ernst genommen, ja, mißverstanden. Und daß Deutschland, das bei ihnen immer einen guten Namen hatte, nach der Wende seine Augen vor allem nach Osten richtete, bestürzt manchen Latino geradezu.

"Wenn man deutsche Zeitungen aufschlägt, sucht man meistens vergeblich nach Berichten über Lateinamerika", bedauerte ein peruanischer Journalist kürzlich auf einem Diskussionsforum der Deutschen Welle (DW) in Köln. Viele Deutsche setzten gar Buenos Aires mit Karneval gleich, glaubten, in Brasilien werde Spanisch gesprochen, wüßten keinen Unterschied zwischen Paraguay und Uruguay oder Cartagena und Caracas - "es erklärt ihnen ja auch keiner, am wenigsten die Presse".

Eine Einschätzung, die Hildegard Stausberg, DW-Chefredakteurin für Fremdsprachenprogramme, teilt. "Lateinamerika ist für Deutsche zumeist Samba, Rio, Fidel Castro und Kriminalität." Deutsche Korrespondenten lieferten "Stereotypen als ,bunte Stücke' an die Heimatredaktionen." Unsere Medien zeichneten ein Lateinamerika-Bild, das bereits zwanzig Jahre alt sei und heute so wenig stimme wie damals.

Gerade erst schalt der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, der Peruaner Mario Vargas Llosa, das Fernsehen als "ständige unterhaltsame Reality-Show". Er meinte damit auch Berichte aus dem Ausland, die - so FAZ-Herausgeber Jürgen Jeske - oft nach den Kriterien "Krise, Naturereignisse und oberflächliche Folklore" gestrickt würden. Alltag und Hintergrund bleiben auf der Strecke.